Archiv für die Kategorie 'Grundegendes'

Volker Viehoff

Die Zeit der Experten ist vorbei

Es sei „erschreckend“ gewesen, sagte Frau Maischberger, dass die Experten in ihren Talkrunden ihr nichts wirklich Erklärendes zu den Geschehnissen diese „Weltfinanzherbstes“ hätten mitteilen können.

Eine aufschlussreiche Mitteilung.

Es waren Experten, die dieses System kreiert haben. Und sie haben jeder ihren Teil dazu beigetragen, ohne ein Ganzes oder die Wirkungszusammenhänge des Ganzen noch zu überschauen. Die Laiendarsteller in diesem Drama hatten sich derweil in die trügerische und bequeme Sicherheit gewiegt, dass die Sache so kompliziert sei, dass sie sowieso nur von Experten zu verstehen wäre.

Bezeichnend ist die vielgehörte Aussage von „Geldanlegern“, die im nachhinein bekannten, gar nicht verstanden zu haben, in was sie denn da überhaupt ihr Geld angelegt hätten.

Wie kann so etwas passieren? Und wie kann dies offensichtlich weltweit geschehen? Welche Haltung kommt da langsam zutage und was ist das für einen seltsame  „Täter – Opfergemeinschaft“? Finanzkonstrukteure, die nicht mehr wissen, wie sich das auswirkt, was sie erschaffen, Anleger, die nicht mehr wissen, was sie kaufen und Vermittler, die nicht mehr wissen, was sie da durchgehandelt haben?

Dies scheint allen drei Akteuren (man müsste fast sagen: „Passeure“) gemein zu sein: Das Nichtwissen, vielleicht auch das Nichtwissenwollen dessen, was sie tun. Stattdessen sich leiten, besser: antreiben zu lassen von etwas, was man wohl so beschreiben könnte: Gewinnstreben ohne wirklichen Einsatz.
Was geht hier vor? Auf welchen Haltungen beruhen solche Handlungen?

Es wird bald offensichtlich, was sich hier zeigt: Ein eklatante Vermeidung, ein systematisches Aus-dem-Weg-Gehen dessen, was für wahrhaft menschliches Existieren doch unvermeidlich ist: Verantwortung zu übernehmen für die eigenen Handlungen oder Unterlassungen.

Die ganze Geschichte der Neuzeit als Vorläuferin der Moderne und dessen, worin wir uns gerade befinden, scheint sich in der Konsequenz unserer Tage unter einer Leitmaxime zusammen fassen zu lassen. Diese lautet in etwa: „Handle stets so, dass sich ein ( vermeintlicher ) Vorteil aus Deiner Handlung für Dich ergibt und vermeide alles, was Dich an die möglichen oder erahnten tatsächlichen Folgen Deines Handelns oder Unterlassens erinnern könnte.“ Ein kantiger Imperativ – mit verheerenden Auswirkungen.

Folgen einzelne Individuen dieser Spur ist das für sie selber in der Regel bedauerlich; sind diese „Neurotiker des Geistes“ dann in herrschender Stellung, ist es für die davon Betroffenen fatal. Handelt hiernach ein ganzes Zeitalter, ereignet sich, was gerade geschieht: Eine Katastrophe. Global.
Wie kommt so etwas zustande? Wie hat es sich entwickeln können, dass so eine „seelische Fehlhaltung“ zum öffentlich-unrechtlichen Allgemeingut wurde?

Es würde zu kurz greifen, zöge man nur die Geschichte des deutschen Scheiterns der Zwangskollektivierung 1933-1989 hier zurate. Es stimmt zwar, dass die dort verordnete absolute Priorität des „Gemeinwohls“ – so wie es die Machthaber es verstanden wissen wollten – zu einer heftigen Reaktion nach Abschaffung der Tyrannei geführt haben. Die 5 Reichsmark Scheidemünze des 3ten Reiches zierte nicht nur Hakenkreuz und Hindenburgkopf, sondern am Rande stand der Satz zu lesen: „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“.

Das derzeitige Geldgebaren ist wohl eher so zu umschreiben: Aus maximalem Eigennutz entsteht Gemeinwohl irgendwie von alleine. Was es dazu braucht, um so einer „Logik“ folgen zu können ist eine unheilvolle Vermengung von wissenschaftlicher Theorien, geschichtlichem Vergessen, diskursbestimmender  Pressebeherrschung, indoktrinierender Lobbyarbeit, und vor allem jede Menge individueller Bereitschaft,  sein Leben mit einem Höchstmaß an Unbewusstheit „zu führen“. Man müsste eher sagen: Führen zu lassen. Vom Sich-Führen-lassen dieser Art ist es nicht weit bis zum Verführt werden.

Die Frage ist: Wer verführt hier wen?

Dazu müssen wir näher an das Epizentrum dieses „Bewusstseinsbebens“ heran kommen. Vielleicht müssen wir uns  von einer Vorstellung verabschieden, ohne die modernes Menschenbewusstsein scheinbar gar nicht auszukommen vermag: Es gibt Schuldige, das sind die anderen, und hinter fast allem steckt eine verborgene Absicht von Unterdrückung und Beherrschung.

Die Sache liegt wohl tiefer, als wir bislang bereit waren anzuerkennen. Und das wohl aus – nicht gutem, aber – nachvollziehbarem Grunde.

Die Neuzeit hat dem Menschen glauben machen wollen, er könne sein Existenz selbstbestimmt, selbstherrlich und von daher willkürlich führen. Dazu müsse er „den Mut haben sich seines eigenen Verstandes zu bedienen“. Was anfangs nicht verraten wurde: Dafür braucht einige Generationen später der Einzelne Experten, die ihm erklären müssen, wie die Systeme, die sein Verstand sich ausgedacht hat und von dessen funktionieren er mittlerweile fast total abhängig geworden ist, denn überhaupt noch funktionieren.
Der derzeitige Medienstar der Genforscherszene beispielsweise, Craig Vester, hat angemerkt dass „die Bevölkerung  es sich deshalb auch nicht mehr leisten (kann), die Wissenschaften nicht zu verstehen: Wenn du kein wissenschaftliches Verständnis hast, während unsere Zukunft gleichzeitig komplett auf wissenschaftlichen Erfolgen aufbaut, dann überlässt du anderen die Gestaltung deiner eigenen individuellen Zukunft. Das sind beängstigende Aussichten.“

Wenn das schon ein „ausgewiesener Experte“ von sich gibt – was heißt das aber für die Verlässlichkeit von Expertentum überhaupt? Galten Experten zwar lange schon als ein wenig seltsam, mitunter auch als krude Fachidioten, so hat man ihnen dennoch nicht abgesprochen „etwas zu verstehen“, was letztlich von Belang oder sogar von existentieller Bedeutung ist. Was sich aber jetzt zeigt ist, dass die Experten von dem, was wir meinten, dass sie es verstünden (und beherrschen!), selber keine Ahnung mehr zu haben scheinen.

Das ist allerdings eine beängstigende Vorstellung, mehr - eine erschütternde Tatsache. Die „Finanzkrise“ ist nur Symptom. Sie steht, als wirksam gewordener Ausdruck für unsrem Umgang mit dem „Lebensmittel Geld“ stellvertretend für eine tiefwurzelnde Fehlhaltung, eine grundlegendes Missverstehen unsrer Existenz als Mensch.

Da tut sich der wahre Abgrund auf.

Wenn davon gesprochen wird, dass  weltweit „das Vertrauen“ der Marktteilnehmer ineinander  verloren gegangen sei, ist das doch also nicht nur ein Manko, ein Problem, dass es schnell zu lösen gelte. Es ist – fast möchte man sagen – eine erste Reaktion der Reste des gesunden Menschenverstandes. Eine Art „Vollbremsung“ vor dem Abgrund, in den die massenweise Abgabe der Verantwortung für die eigenen Handlungen an die Kaste der Experten, die mit „hohepriesterlichem“ Nimbus die Prozession der Wissenschaftsgläubigen zielsicher an den Rand desselben geführt haben. Offensichtlich ohne wirklich zu wissen, was sie da tun! Und ohne „Unrechtsbewusstsein“. „Wer plant, wer forscht, wer treibt voran und wer will? Das wissen nicht einmal die Forscher. Frag einen Forscher und die Dürftigkeit einer Antwort wird an die eines Feldmarschalls grenzen, der Millionen Tode befiehlt und niemals über den Tod nachdachte“. So urteilte der 1975 verstorbene Philologe und Byzantinist Erhart Kästner über die Unsäglichkeit des modernen Wissenschaftsbetriebes. Dieser Spezies verdanken wir die verantwortungslosen Weltwirtschaftsmodelle, die dann diese „Subspezies“ der Finanzexperten erst hervorbrachte, denen heute vor Ratlosigkeit bei Maischberger auf dem Sofa nichts Vernünftiges mehr einfällt. Es wird Zeit aus dem Tiefschlaf der Aufklärung aufzuwachen. Halten wir den Film an. Schluss mit „Eyes wide shut….“!

Der Mensch wird nur Mensch in der Entscheidung. Er kommt nicht umhin alle seine Handlungen und Unterlassungen als Frucht immer wieder zu treffender, zu erringender Entscheidungen zu begreifen. Entscheidungen sind, wie das Wort sagt, die Beendigung einer Scheidung. Etwas Geschiedenes wird entschieden. Dadurch entsteht ein Weg, der Richtung gibt und zu dem man stehen kann, wodurch allein Verantwortung entsteht. Warum wird den Managern, bei aller Übertreibung, denn zurecht verantwortungsloses Handeln vorgeworfen? Ein Vorwurf, der seltsam verhallt? Weil diese, stellvertretend für alle „Marktteilnehmer“, vom Kleinanleger bis zum Politiker im Verwaltungsrat der Landesbank, ihre eigenen Handlungen letztlich nicht als eigene Handlungen erleben!

Ein unheimliches Phänomen wird hier sichtbar. Angedeutet und vorbereitet hat sich diese verhängnisreiche Entwicklung schon lange.

Es ist bei der Suche nach hilfreichen Gegenwartsanalysen m.E. immer von größtem Aufschluss (und auch bestürzender Bewahrheitung), in den Archiven einige Jahrzehnte zurück zu blättern. Was dort mitunter über die damals anbrechende Zukunft ausgesagt wurde, ist heute oftmals zu deutende Gegenwart.

So auch die Aussagen, die der Theologe Romano Guardini um 1950 in seinem Werk „ Die Macht“ über das Wesen der anbrechenden Zeit systematisch organisierter Verantwortungslosigkeit auszusagen hatte.
„Es gibt keine nicht-verantwortete Macht. (…) Deren Wirkung ist immer Tat – oder wenigstens Zulassung – und steht als solche in der Verantwortung einer menschlichen Instanz, einer Person. Das ist auch dann so, wenn der Mensch, der sie ausübt, diese Verantwortung nicht will. (…) Sobald auf die Frage: wer hat das getan? weder ein „Ich“ noch ein“ Wir“; weder eine Person noch eine Personengemeinschaft mehr antwortet, scheint Machtausübung zur Naturwirkung zu werden.“

Er führt weiter aus, dass Macht immer dann zur Gefahr werde, wenn hinter ihr überhaupt kein ansprechbarer Wille mehr stehe, sondern nur einen anonyme Organisation, in welcher „ jeder durch benachbarte Instanzen geleitet, überwacht und dadurch – scheinbar- der Verantwortung enthoben“ sei.

Diese dann nicht mehr vom Bewusstsein einer Person getragene Handlung lasse dann  im Handelnden einen eigentümlichen leeren Raum entstehen. Da er sich nur als ein „Element in einem Zusammenhang“ erlebe, scheine er selber als „Subjekt der Handlung“ auszufallen.

Was aber als Folge dann geschieht, weist  in aller Dramatik auf die eigentliche Dimension dieses Missverstehens menschlichen Existierens hin. Es zeigt unweigerlich das, wovor das moderne Bewusstsein immer noch beharrlich die Augen verschließt, obwohl seine Wirkungen sich allenthalben explosionsartig ausbreiten: Diese Leere, die dort entstehe, wo die Person übersehen, verleugnet und vergewaltigt werde, bleibe nun nicht.  Was sich in diese hineinzwänge, ergieße, sei nichts anderes als das Böse – als Theologe wird er deutlicher: Der Böse.

Es gehört zu den fürchterlichsten Folgen neuzeitlicher Irrtümer über die Wirklichkeit, dass sie, wie Kästner es formulierte, das Böse nicht kenne. „Soviel Hilfe hatte es nie.“

Wer einigermaßen seine eigenen Seelenabgründe erkundet hat, weiß wovon hier die Rede ist. Und er sieht schmerzerfüllt, dass, solange hier nicht mutiger gedacht, gesprochen und beschrieben wird, alle wirtschaftlichen „Rettungsmaßnahmen“ oberflächlicher Art so viel Nutzen wie Löcher ins Wasser zu graben. Es wird die letzten Kräfte  sinnlos verbrauchen.

Sie hätten in einen „bodenlosen Abgrund“ geschaut, bekannte ein Wall Street Banker in den frühen Oktobertagen. Peer Steinbrück und Angela Merkel seien „erbleicht“, als Ihnen geschildert, welches unbeherrschbare Chaos unmittelbar bevorstehe, wenn die HRE Bank nicht gerettet werde. Hier waren wir nahe dran am wirklichen Geschehen. Was noch fehlte? Der Mut wirklich zu sehen, was man sieht.

Nun versuchen alle wieder die Experten ihren „Job“ machen zu lassen, nachdem sich die Lust an Managerschelte erschöpft hat. Wir versuchen noch einmal den Bannzauber der Wissenschaft über das Desaster zu werfen, um ohne radikaler Infragestellung unserer inneren Daseinshaltung doch noch irgendwie durchzukommen.

Das wird nicht gut gehen.

Und am Ende wird uns dabei kein Experte mehr zu Seite stehen. Die notwendende Hilfe kommt auch nicht „von oben“.

Sie wartet innen. In jedem Einzelnen. Und hier ist jeder Experte - wenn er sich nur traut.

von Bernard Lietaer
mit Dr. Robert Ulanowicz & Dr. Sally Goerner

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Zusammenfassung
Die fortlaufende Finanzkrise ist nicht das Ergebnis eines zyklisch auftretenden oder betriebswirtschaftlichen Versagens, sondern strukturell bedingt. Diese Aussage wird unter anderem dadurch belegt, dass es im Laufe der vergangenen 20 Jahre bereits mehr als 96 bedeutende Bankenkrisen gegeben hat und dass solche Pleiten auch in verschiedenen Kontrollsystemen und Stadien der wirtschaftlichen Entwicklung passiert sind. Wir müssen dringend bessere Lösungen finden, denn als wir dem letzten Zusammenbruch dieses Ausmaßes gegenüber standen - der Weltwirtschaftskrise der 1930-er Jahre - führte dies zu einer Welle des Faschismus und zum zweiten Weltkrieg. Doch die bisher angewendeten üblichen Lösungen – Verstaatlichung der Problem-Aktiva (wie im ursprünglichen Paulson-Rettungsplan) oder Verstaatlichung der Banken (wie in Europa) – behandeln nur die Symptome, nicht die grundlegende Ursache der derzeitigen Bankenkrise. Auch wird die Neuregulierung des Finanzsektors, die alle auf ihrer politischen Agenda haben, im besten Fall die Häufigkeit solcher Krisen reduzieren, nicht aber ihr erneutes Auftreten verhindern.

Die gute Nachricht: Es stehen nun eine systemische Betrachtungsweise und eine fachgerechte Lösung zur Verfügung, die aus solchen Pleiten ein Phänomen der Vergangenheit machen würde. Durch einen kürzlich erfolgten wissenschaftlichen Durchbruch, der das Konzept ausbalancierter, strukturell intakter und gut funktionierender Ökosystemen erklärt, lässt sich nun belegen, dass alle komplexen Systeme – einschließlich der monetären und finanziellen – strukturell instabil werden, sobald die Produktivität überbetont wird auf Kosten von Vielfalt und Vernetzung sowie der entscheidenden Widerstandsfähigkeit, die diese bieten. Das überraschend Grundlegende und Anwendbare dieser Erkenntnis liegt darin, dass es zu nachhaltigem Wohlstand gehört, Vielfalt auch in unsere Währungen und dazugehörigen Institutionen zu bringen, und damit die Verfügbarkeit von Geld in seiner wesentlichen Funktion als Tauschmittel zu erhöhen, statt als Mittel zum Sparen und für Spekulation. Zudem sind diese Währungen speziell so gestaltet, dass sie andernfalls ungenutzte Ressourcen mit unbefriedigten Bedürfnissen innerhalb einer Gemeinschaft, einer Region oder eines Landes verbinden. Diese Währungen werden als „ergänzend“ bezeichnet, weil sie das national gebräuchliche Geld nicht ersetzen, sondern vielmehr parallel dazu benutzt werden.

Der effektivste Weg für Regierungen, eine solche Strategie vielfältiger und nachhaltiger finanzieller Ökologie zu unterstützen, besteht darin, sorgfältig ausgewählte, solide Komplementärwährungen - während des Zeitraums, in welchem die Banken die reale Wirtschaft nicht mehr voll finanzieren können - als Zahlungsmittel für einen Teil der Steuern zu akzeptieren. Die Entscheidung darüber, welche Komplementärwährung akzeptiert werden sollte, hat sowohl eine fachliche Seite (Robustheit und Widerstandsfähigkeit gegen Fälschung) als auch eine politische (welche Aktivitäten werden als unterstützenswert angesehen). Wir empfehlen als besten Anwärter für diese Rolle eine professionell geführte Business-to-Business (B2B) Komplementärwährung nach dem Model des WIR-Systems, das seit 75 Jahren erfolgreich in der Schweiz praktiziert wird und ein Viertel der Betriebe des Landes einbindet. Dieses System wurde in einer amerikanischen ökonometrischen Analyse als wesentlicher antizyklischer und stabilisierender Faktor für die sprichwörtliche Stabilität der Schweizer Wirtschaft gewürdigt.

[Lesen Sie den weiteren Artikel im pdf.]

Pressemitteilung vom 14.11.2008 | 14:07
ödp Bundesverband
ödp: Weltfinanzaufsicht ja - aber nicht durch diesen IWF

ödp nimmt Stellung zum Weltfinanzgipfel

„Der IWF eignet sich nicht für die Weltfinanzaufsicht.” Diese Aussage trifft Sarah Luzia Hassel-Reusing, Wirtschaftspolitikerin der Ökologisch-Demokratischen Partei (ödp) anlässlich des am Samstag stattfindenden Weltfinanzgipfels in Washington.

Dem Internationalen Währungsfonds (IWF) soll nämlich eine herausragende Rolle im Weltfinanzsystem zukommen. Außerdem soll darüber beraten werden, mit welchen Mechanismen das internationale Finanzsystem stabiler konstruiert werden kann. Grund des Treffens ist die derzeitige internationale Finanzkrise, welche durch das Platzen der Spekulationsblase mit Hypothekendarlehensforderungen in den USA ausgelöst wurde.

Anfang November hatte sich die EU (Europäische Union) darauf verständigt, auf dem Gipfel für eine Marktwirtschaft, die der Schaffung von realen Werten statt der Spekulation dient, sowie für mehr Transparenz und für eine Finanzaufsicht auch über Hedgefonds und Ratingagenturen einzutreten. Die Koordination dieser Aufgaben soll nach Auffassung der EU der Internationale Währungsfonds (IWF) übernehmen.

„Diese Ziele”, so ödp-Politikerin Hassel-Reusing, „sind begrüßenswert. Aber der IWF ist die derzeit am wenigsten geeignete Organisation für diese Aufgaben. Die drakonischen Auflagen, an die der IWF in den letzten Jahrzehnten die Vergabe von Krediten vor allem an Entwicklungs- und Schwellenländer gebunden hat, haben viele Staaten gerade erst in die Krise gestürzt.”

Die Kreditauflagen des IWF, so Hassel-Reusing weiter, seien oft darauf fokussiert gewesen, Rohstoffe und Arbeitskraft aus den Schuldnerländern möglichst billig zu bekommen. Der IWF verlange regelmäßig eine einseitige Konzentration auf die Exportwirtschaft, die Senkung von Löhnen und Sozialabgaben und den Abbau jeglicher Schutzmaßnahmen für die Binnenwirtschaft der Schuldnerstaaten. Dass er außerdem massive Steuersenkungen verlange, zeige, dass es dem IWF nicht darum gehe, die Staatsschulden jemals vollständig zu tilgen.

Durch vom IWF erzwungenen Kürzungen bei Nahrungsmittelsubventionen kam es zu Unruhen in Bolivien (1985), Sambia (1986), Jordanien (1989). Niger, einem der ärmsten Länder der Welt, untersagte der IWF 2003 inmitten einer Hungersnot, aus den staatlichen Nahrungsmittelspeichern kostenlos Lebensmittel zu verteilen, weil dies angeblich den Wettbewerb verzerren würde. Prof. Jean Ziegler, ehemaliger Uno-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Nahrung, hat die Auflagen des IWF als eines der Haupthindernisse für die Umsetzung des Menschenrechts auf Nahrung entlarvt.

Der IWF zwang Sambia zum Verkauf seiner Notenbank und Argentinien zur Privatisierung des Zolls. Es waren Auflagen des IWF, welche die südafrikanische ANC-Regierung dazu brachten, die öffentliche Wasserversorgung zu privatisieren und dadurch das Menschenrecht auf Wasser in der vom ANC damals neuen selbst geschaffenen südafrikanischen Verfassung zu brechen.

Davison Budhoo, ein 1988 beim IWF ausgeschiedener Mitarbeiter, hat dem IWF sogar vorgeworfen, Wirtschaftsdaten des kleinen, aber ölreichen Karibikstaats Trinidad und Tobago gefälscht zu haben, um dem Land seine Strukturanpassungen aufzwingen zu können. „Der IWF“, so Hassel-Reusing, „hat einseitig die Interessen von Gläubigerbanken und -staaten vertreten und Schuldnerländer gezwungen, selbst gegen ihre eigenen Verfassungen verstoßende Kreditauflagen zu erfüllen, obwohl es keine Rechtsgrundlage dafür gibt, IWF-Auflagen über nationale Verfassungen zu stellen. Auch wenn der IWF heute noch den Status einer Uno-Sonderorganisation hat, kann dies nicht darüber hinweg täuschen, dass er die moralischen Werte der Vereinten Nationen, allen voran die sozialen Menschenrechte, mit Füßen getreten hat. Statt nun eine derart selbstherrliche und menschenrechtsverachtende Organisation wie den IWF zum Weltfinanzaufseher zu machen, muss erst einmal die Geschichte von Verfassungsbrüchen und Menschenrechtsverletzungen durch IWF-Auflagen aufgedeckt, und die Verantwortlichen müssen dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Außerdem sollte die Uno ihm den Vertrag kündigen, der ihn zur Uno-Sonderorganisation macht, denn dieser Status befreit den IWF vom Zivilpakt und vom Sozialpakt der Uno, ohne der Weltorganisation irgendeine
Kontrolle über den IWF zu geben.”

Für die Etablierung einer weltweiten Finanzaufsicht, so ödp-Politikerin Hassel-Reusing, wäre eine Kontrolle durch eine den Vereinten Nationen unterstehende Nebenorganisation geeigneter. Denn Uno-Nebenorganisationen können bei Versagen auch wieder aufgelöst werden.

Ökologisch-Demokratische Partei (ödp)

Bundespressestelle
Erich-Weinert-Str. 134
10409 Berlin
Tel. 030/49854050
florence.bodisco@oedp.de
www.oedp.de

Würzburg - Veröffentlicht von pressrelations

Link zur Pressemitteilung:
http://www.pressrelations.de/new/standard/dereferrer.cfm?r=346308

Volker Viehoff

Zwei Interviews mit Margrit Kennedy

In den vergangenen Tagen sind zwei Interviews mit Prof. Margrit Kennedy, die sich seit vielen Jahren für Regionalwährungen einsetzt, in großen Publikationen erschienen, und haben dem Thema komplementäre Währungen/Alternativen zum Finanzsystem somit eine größere Öffentlichkeit verschafft. Heute hieß in der Süddeutschen Zeitung: „Kreditnehmer sind die neuen Sklaven”.

SZ: Geldvermehrung ist also in Ihrem Weltbild nicht per se schlecht, wenn es nur der guten Sache dient?

Kennedy: Richtig. Ich bin heute der Meinung, dass wir das Zinsthema nie ganz aus der Welt schaffen werden, weil es irgendwo immer eine Möglichkeit geben wird, Zinsen zu erwirtschaften. Was wir aber brauchen, ist ein anderer Zugang zu Geld. Wir müssen lernen, dass es andere Möglichkeiten gibt, Geld zu benutzen und Geldentwürfe umzusetzen. Zum Beispiel solche, die Bildung fördern, Ökologie, soziale Projekte.

SZ: Nennen Sie ein Beispiel.

Kennedy: Überzeugend ist das Fureai-Kippu-System in Japan. Jüngere Menschen, die bereit sind, für ältere Pflegeleistungen zu erbringen, bekommen vom Staat Stundengutschriften. Diese können sie später für sich selbst oder für ihre Eltern oder Freunde verwenden. Das bestechend Einfache daran: Eine Stunde ist eine Stunde ist eine Stunde - ein völlig inflationssicheres Geld also. Interessant ist, dass die Japaner sich mittlerweile lieber für einen der freiwilligen “Stundenkräfte” als für professionelle Dienstleister entscheiden, weil Erstere eine größere Motivation mitbringen. Das ist wie eine ergänzende Währung zum Yen und stärkt nebenbei die Gemeinschaft.

Und vor einigen Tagen äußerte Margrit Kennedy im Gespräch mit FAZ.net: „Geld kann nicht für uns arbeiten”:

Was müsste Ihrer Meinung nach getan werden?

Im aktuellen Geldsystem ergänzen sich der Zins und die Inflation bestens, um den Geldkreislauf in Gang zu halten. Der führt jedoch zwangsläufig zu Instabilität. Denn durch den Zinseszinseffekt folgt das Geld einem exponentiellen Wachstum, was aus mathematischer Notwendigkeit zu Instabilität führen muss. So lange wir das nicht ändern, wird das Weltfinanzsystem instabil bleiben.

Volker Viehoff

Veranstaltungstipp

Montag, 3.11.2008 – Kiel, Holsteiner (am Holsteinstadion, Westring 501), 19:30 Uhr – „Das Geld ist tot – lang lebe das Geld”

Milliardenpakte, bald Billionenpaket (1000 Milliarden) zur Rettung eines Systems, das genau die Probleme erzeugt hat, dass einer aufgeblähten Geldmenge keine Werte gegenüberstehen und somit die Sicherheiten fehlen.

Was haben wir Bürger damit zu tun? Was sollten wir tun / wissen / fordern / verstehen? Was sollten wir gemeinsam entwickeln? Eine echte Neulandsuchveranstaltung mit dem ehemaligen Bankvorstand Volker Viehoff am 3.11.2008 um 19.30 Uhr.

Flugblatt zum Runterladen

Den Vortrag finden Sie in meinem Beitrag vom 20.10.2008 – „Geld ist eine rein rationale Sache – und die Erde eine Scheibe”.

Und hier das PDF des Vortrags zum Herunterladen

Volker Viehoff

Eine neue Achse des Bösen?

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Von Finanzmärkten und anderem Teufelszeug.

Was verbindet Osama bin Laden, George Bush und die Oskar Lafontaines dieser Welt? Richtig – ihre erbärmlichen Simplifizierungen.

„Investmentbanker sind kriminell“, proklamiert Oskar Lafontaine im Online Magazin „Jetzt.de“ der Süddeutschen Zeitung. Nach dem Satan Amerika und umgekehrt dessen Angst vor einem „caliphate” stretching from Spain to Indonesia + Nordkorea, nun auch das personifizierte Böse im leibhaftigen
Investmentbanker, assistiert vom skrupellosen Anlageberater und schmerzfreien Fondsmanager: Die neue Achse des Bösen.

Endlich haben wir sie ausgemacht: Die Schufte, die Blutsauger, die Vampire der Postmoderne! Mit geliehenem Geld, über Nacht mittels Beschwörungsritual (Leverageeffekt) um eine Vielfaches vermehrt, fallen Sie über arglose Unternehmer in deren lieblichen Landschaften her, fressen ganze Landstriche heuschreckenleer, „rösten“ als 25 jährige Collegeschnösel gestandene Vorstandschefs echter Firmen, bis diese winselnd die geforderte Eigenkaitalrendite mit Ihrem Kopf garantieren, ersetzten Firmenblut (Eigenkapital) durch synthetisch verdünntes Surrogat (Fremdkapital), das jederzeit wieder abfließen kann, plündern ganz Regionen aus und ziehen als marodierende Bande vaterlandsloser Gesellen, wie weiland die Landsknechte, erst dann weiter, wenn wirklich nichts mehr herauszupressen ist. Erzteufel.

Stimmt das Bild? Schon irgendwie, leider. Natürlich ein wenig drastisch. Ein wenig. Lassen wir es mal offen. Denn muss man mit solchen Bildern sehr vorsichtig sein. O. ja. Wie der 1975 verstorbene geniale Philologe Erhart Kästner lapidar anmerkte, dass man „sich hüten müsse, zu schnell einen Namen für den Teufel zu haben, ihn zu schnell zu fixieren, denn der Teufel, sobald er fixiert sei, springe ja“, um dann resigniert zu folgern: „ Aber Neuzeit kennt das Böse nicht. So viel Hilfe hatte es nie.“

Dessen Helfershelfer scheinen aber langsam sichtbar zu werden. Man erkannt sie leicht daran, dass sie

1. Nie konkret werden
2. Sich nie in die Verantwortung nehmen lassen
3. Nur aus der Deckung schießen
4. Andere für alles verantwortlich machen

Also vorsichtig weiter nun. Wir betreten gefahrvolles Gelände. Warum lässt uns dieses Finanzdesastergedröhn nicht eher kalt? Wieso kommt kaum einer an dem Thema vorbei? Warum können wir nicht einfach sagen, es geschehe denen ganz recht, zu gierig gewesen, jetzt kommt die Quittung? Warum
versuchen wir –hilflos- zu begreifen, was da in Teufels Namen (!) eigentlich vor sich geht?

Was die Sache so schwer macht: Die Ambivalenz des Geldes. Da ist zum einen ein undurchschaubares Finanzsystem entstanden, dass nun auch Experten nicht mehr verstehen und welches offensichtlich ein Eigenleben entwickelt hat, dass uns Angst und Bange wird. Und warum? Weil zum anderen Geld uns höchstpersönlich betrifft. Es bestimmt nicht nur unser Leben. Es i s t in gewisser Weise unser Leben. Wir sind das Geld!

Daher die Erschütterung bis ins Mark. Der dramatische Wandel der klimatischen Lebensbedingungen wird zweifellos Veränderungen ganz anderer Dimension mit sich bringen - und dies viel schneller als in den Medien verschleiert wurde – aber das ist doch irgendwie noch weit weg , räumlich (Sibirien, Nordpol) oder zeitlich (2100).

Beim Geld ist aber beides unmittelbar real: Die Unfassbarkeit des Phänomens und die tatsächliche Bedeutung für unser ganz konkretes Leben. Kein gutes Gefühl.

Doch zurück zu den Schuldigen.

Nun fallen Sie also, die Investmentbanken und -banker, reihenweise im Sperrfeuer ihrer Fehleinschätzungen. Und reißen die Mitläufer (Landesbanker, Pfandbriefbanker, Staatsbankbanker usw.) gleich mit in den Abgrund. Hat die erste Salve noch die Unvorsichtigen in der ersten Reihe getroffen, fallen die anderen weiter hinten um wie die Dominosteine. Eigentlich werden sie von hinten getroffen aus den eigenen Reihen, mit einer nie erwarteten Waffe niedergestreckt: Misstrauen unter Ihresgleichen. Das hätte niemand erwartet:
Banken trauen sich nicht mehr über den Weg. Das bekommt nun auch das Fußvolk und der Tross (der real existierende Privatkunde ) langsam mit und sagt sich: Wenn die Herren Musketiere sich schon nicht mehr über den Weg trauen – warum sollten wir es dann noch tun? Sind die Spareinlagen so sicher wie die Rente? Noch verhindert ein „Macht“ Wort der Kanzlerin Schlimmeres.

Eine politische Erklärung, die niemals zu einer justiziablen werden darf. Denn die Staatstresore sind schon lange leer. Wenn der Staat diese Bürgschaften einlösen müsste, würde er es mit den Sparkonten der Bürger machen müssen, die er doch verbürgt. Geht das?

In der Häme über die Kaste der Gescholtenen („Geschieht der Bande recht!“) mischt sich Wut und angstgeschwängerte Ratlosigkeit. Denn die Frage ist nicht mehr nur, wie es wohl soweit hatte kommen können – das ist wohl bei einiger intellektuell redlichen Anstrengung recht leicht zu klären. Die wirklich bedrängende Frage lautet: Wie es denn nun weitergehen kann, soll, darf, muss? Und – viel bedrängender: Was wir zuvor ab jetzt lassen müssen? Denn der Umstand, dass wir diese verheerende Soldateska der Geschäftemacher überhaupt haben entstehen lassen (wir!), hat schlimme Folgen für uns. Die Glaubwürdigkeit der von ihnen geschleiften wissenschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Festungen ist dahin.

Sicherheit, Verlässlichkeit, Stabilität, schlichtweg Vertrauen ? Wo? Nichts ist mehr so (un)sicher wie eine Bank? “Wir haben noch nie in einen so tiefen Abgrund geschaut”, sagte dieser Tage ein Banker. Ein erfrischend ehrliches Wort. Endlich.

Nehmen wir diese Aussage Ernst als einen Zustandsbericht, der der Lage entspricht. Schon die letzte Talkrunde bei Anne Will hatte Qualität: Sie war moderat, ohne das sie moderieren musste. Das ist verdächtig. Ein aufschreckendes Phänomen.

Bevor wir jetzt also außerhalb des Talkraums blind aufeinander eindreschen, gemeingefährliche Volkstribune à la Lafontaine mit ihren perfiden Halbwahrheiten dabei sind verunsicherte Menschen in aufgewiegelte Massen zu verwandeln (hatten wir schon mal), oder verstörte Marktideologen statt das Ende der Party zu akzeptieren schon an einer „Dolchstoßlegende“ für den nächsten Investmentstaatsstreich basteln (hatten wir auch schon mal) – bitte inne halten. Besonnenheit ist das Gebot der Stunde. Und die Chance. Nutzen wir sie. Suchen wir den Rest des gesunden Menschenverstandes, und mit dem schauen wir, was los ist.

Hat Lafontaine recht mit seiner Behauptung? Sind Investmentbanker kriminell?

Nehmen wir Investmentbanker mal als Synonym für das, was sich hier ereignet. Kriminell handelt, wer gegen Gesetzte verstößt. Das ist illegal. Aber begeht einer auch ein Verbrechen, wenn er zwar legal, aber offensichtlich illegitim handelt? War da mal ein Unterschied?

Wenn der Manager einer „Private Equity Gesellschaft“ (eigentlich „Eigenkapitalgesellschaft“, eine Name, der sehr in die Irre führt…) die Mehrheit an einem mittelständischen Unternehmen erwirbt, ist das legal und legitim. Wenn er sich die notwendigen Mittel dazu am Kapitalmarkt als Kredit besorgen muss, ist das auch legal und noch ein bisschen legitim (aber jetzt stimmt der Name schon nicht mehr…. ). Wenn er dann aber diese selbstgemachten Schulden gegen das echte eigene Kapital des übernommenen Unternehmens mittel einer bar auszuzahlenden „Sonderdividende“ eintauscht, ist das nur noch legal. Das erinnert an die (legalen) Verfahrensweisen bei der Vertreibung der Juden aus dem Großdeutschen Reich: Diese durften auch noch
das legalisierte Unrecht finanzieren. War das legitim?

Vielleicht haben auch wir zu lange weggeschaut. Wie unsere Väter. Vermutlich haben wir uns zu schnell in unsere „erlernte Hilflosigkeit“ geflüchtet, diese seltsame mentale Paralyse, in die das Bannwort „Globalisierung“ die Postmoderne versetzt hat.

Aufwachen – der Zauber zerfällt!

Der „Spekulant“ George Soros hat Milliarden in kurzer Zeit mit Währungsspekulationen „verdient“. Er sagte, dies sei doch eigentlich ein Ding! Denn er habe völlig legal gehandelt. Aber wenn so etwas Aberwitziges möglich wäre, sei das dies ermöglichende System krank. (Er sagte aber auch, das, wenn er das nicht gemacht hätte, dann hätte es eben ein anderer gemacht – die unter Finanzjongleuren offenbar übliche Moral der Waffenhändler und Drogendealer).

Legalität ist das Befolgen der Gesetze, des als Recht „Gesetzten“. Legitimität ist die Frage, ob das Gesetzte an der richtigen Stelle steht, oder ob es überhaupt gesetzt gehört. Ich vernahm von einem Juristen einen aufschließenden Gedanken: Die Aufgabe des Rechts sei es Freiräume zu sperren, in denen Menschen dann – möglichst gut – selbstverantwortlich leben könnten. Was heißt das nun für den „Rahmen“, der dann diese Bedingungen herstellt? Wer zimmert den? Wer vermisst ihn? In welchem Zusammenhang steht Rahmen zum Bild? Und – welche Grenzziehung ist sinnvoll? Es wird klar – Legitimität ist die Ordnung des Gesetzes mittels Orientierung an ethischen, philosophischen, ontologischen („seinsmäßigen“) Fragestellungen. Es geht also um die entscheidenden Fragen der Legitimität, aus denen die Antworten der Legalität erwachsen.

Wer stellt hier die Fragen?

Es scheint ein Zusammenhang zwischen der bewussten Gestaltungskraft unseres Miteinanders und der Güte der diese schützenden (und nicht nur vorschreibenden!) Gesetze zu bestehen. Bei Laotse heißt es, dass in Kulturen - immer wieder erst das Bewusstsein der „Einheit“ (das Tao) verloren gehe , dann der Reihe nach: die Tugenden, die Wohltätigkeit, die Gerechtigkeit – und dann blieben nur noch die Verhaltensregeln.

Kann man einen Finanzmarkt moderner Ausprägung noch mit Verhaltensregeln sinnvoll steuern oder unter Kontrolle halten? Man versucht es, es ist ja auch im Moment nichts anderes mehr da. Aber hat das Aussicht auf Erfolg? Unüberschaubare Interaktionsmöglichkeiten zwischen „Partnern“ , die sich selten jemals zu Gesicht bekommen und die alle den Auftrag haben, möglichst viel „Geld aus Geld“ zu machen? Für die Bank als Auftrag-und Arbeitgeber – also letztlich dessen Eigentümer? Der wiederum aus Kapitalanlegern besteht, die wiederum die handelnden Personen in der Bank kaum kennen dürften?

Aberwitzig.

Das weiß jeder, der das System auch nur annähernd kennt. Der Verdrängungsreflex besteht u.a. darin, dass man zum einen das gerade noch Verstehbare prüft, bis die Akten brennen. Und was nicht mehr zu verstehen ist den gefräßigen Computern anvertraut, die dann „mit Daten gefüttert“ werden, bis Ergebnisse entstehen, die am Ende die Tierpfleger selber auffressen. So wie dieser Tage.

Wer hat die Viecher aus den Gehegen gelassen?

Wie konnte es so weit kommen? Vielleicht mal eine kleine ungewöhnliche Betrachtung für dieses unser Land. Steht so in keinem Geschichts- oder Lehrbuch.

Mich hat schon als Kind (Jg. 1959) immer wieder verwundert, wie glatt der Übergang von der Monsterzeit 1933–1945 zur legendären „Stunde Null“ in den spärlichen Schilderungen der Überlebenden war. 1945 – das war der „Zusammenbruch“ (von was?). Dann kamen die Amerikaner und sagten den führerlosen (West)Deutschen: „You can be like us“ – und Abrakadabra! - die eben noch geschmähten angloamerikanischen Plutokraten“ wurden zum Non plus Ultra des deutschen Weltwestbewusstsein. Die Amerikaner schenkten den (freien) Deutschen 1948 dann auch noch ihr Geld. Nicht nur, dass die ersten Scheine fast wie Dollars aussahen – sie waren letztlich auch Dollars. Über das Währungsabkommen fester Wechselkurse von Bretton Woods 1944 sorgten die Amerikaner, dass u.a. die Deutschen jederzeit Dollars gegen dann später immer härtere DM tauschen musste. Auf Deutsch: Reparationszahlungen auf kapitalistische Art. Nicht so plump wie bei den Sowjetischen Waffenbrüder. Als dann die Franzosen die Dollars wie versprochen gegen USA-Goldreserven eintauschen wollten, guckte Präsident Nixon mal kurz in den fast leeren Tresor, kam wieder hoch und sagte, das käme gar nicht in Frage. Und alle anderen
Dollarbesitzer (= verdeckte Schuldscheininhaber) bräuchten auch nicht mehr zu kommen. Die USA zahlen keine Schulden zurück. Basta. Noch Fragen?

Übergang zur Tagesordnung. Für eine Handvoll Dollar lieber Rubel? Geh doch nach drüben! Nach diesem Jahr 1973, als der Trick der Amerikaner aufgeflogen war, erwachte das Reich der Mitte, einige Jahre vor der Losung Deng Xiaopings, dass Reichtum geil sei. (Entschuldigung.) China ist aufgrund seines ehrwürdigen Alters gewohnt warten zu können auf den strategisch richtigen Moment. Was sind schon 200 Jahre US Patriotismus bei 5000 Jahren eigener Geschichte? Die seit dieser Zeit von den USA zur weiteren Deckung ihres Lebensstandards notwendigen, nunmehr „offenen“ Schuldverschreibungen landeten vornehmlich in den Tresoren der Chinesen. Heute sind diese gleich zweifach größter Gläubiger des Dollars – denn sie verfügen auch über die größten Dollardevisenreserven weltweit. Ist der Green Buck nicht schon lange rot? Beijing schweigt und lächelt still. Wenn der Staub der Finanzeruptionen und den dadurch ausgelösten Wirtschaftstornados sich gelegt haben wird, sieht die Welt anders aus.

Zurück zu uns Deutschen.

Das Wunder von Bern („Wir sind wieder wer“) verblasst gegenüber dem dieser wundersamen Gelderschaffung von 1948. Mein Vater (Jg. 1919) sagte mir, dass da ein Ruck – lange vor Roman Herzog - durch die Bevölkerung gegangen sei, eine Explosion an Energie und Schaffenskraft. Und dass auf der anderen die menschliche Solidarität der Notzeit ab 1945 schlagartig verschwunden sei. Und diese ist seither nicht mehr aufgetaucht . Und wie bei der privaten Neurose wird eine Umkehr und „Aufarbeitung“ mit jedem Tag schwieriger. Bis es kaum noch geht.

Die Macht der Finanzsysteme nahm in dem Maße zu, wie die technische Entwicklung die Digitalisierung scheinbar aller Lebenswirklichkeiten ermöglichte. Die persönliche Kreditwürdigkeit der Kunden wurde nach und nach von der messbaren „materiellen“ Kreditwürdigkeit ersetzt. Was nicht messbar war, wurde durch Scoring – und Ratingsysteme messbar gemacht. Und dadurch handelbar. Weltweit. Bis kaum noch einer wusste, was er da von wem kaufte und in seine Bücher nahm, weiterverkaufte und schnell aus den Augen verlor.

Die derzeit zaghaften Formulierungen einer „Systemkrise“ verschleiern, was hier zugrunde liegt:

Es ist keine Systemkrise – das System IST die Krise.

Wenn Angela Merkel in der Regierungserklärung davon spricht, dass nun ein anderes System des Zusammenlebens in der Wirtschaft gefunden werden müsse, spricht hier die promovierte Physikerin, die an die (All) macht der „Systeme“ zu glauben scheint.

Systeme ersetzen niemals Vertrauen. Niemand vertraut letztlich Systemen, auch wenn wir dies vordergründig-technokratisch so empfinden mögen. Im Grunde aber trauen wir immer den Menschen, die diese Systeme entwickeln, warten und bedienen. Was nun geschieht ist also ein doppelter Kollaps: Erst verlernte man sich persönlich zu vertrauen – es gab ja die standardisierten Bonitätsprüfungen, die sich dann als Dienstleistungen in Ratingagenturen sogar verselbständigten. Und diese haben sich jetzt als haltloser Flop entpuppt – und nun ist die Paralyse da: Wie kommt man jetzt noch zu einer gescheiten Einschätzung der Lage? Wie kann eine Pilot noch fliegen, wenn seien Bordinstrumente durchdrehen? Glaubten wir wirklich, eine computergestützte (besser: vom Computer diktierte) Bonitätsbeurteilung käme der Wirklichkeit nähe, als der gesunde Menschenverstand? Waren wir allen Ernstes der Auffassung, Lebenserfahrung, d.h. das Akzeptieren der Grenzen von Wille und Ehrgeiz, sei keine relevante Größe in der Findung tragfähiger Entscheidungen?

Haben wir also zulange halberwachsenen Jünglingen das Feld überlassen? Vor allem in Investmentfragen, also der Verwendung unseres Geldes?

Haben wir.

Eine Gesellschaft, die alles will, nur nicht selber erwachsen werden, bekommt genau die Investmentbanker, die sie verdient: Jetzt sitzen die selber Kinder am Steuerknüppel der 747, während die Eltern in der ersten Klasse Party feiern, um sich vor der Erinnerungsarbeit ( sie erinnern sich?) zu drücken.

Konnte das gutgehen?

Und wundern wir uns dann, was dabei raus kommt? Computerspiele sind ja auch nicht gefährlich, vor allem nicht die gewalttrainierenden Varianten. Versichern die Hersteller. Wahrscheinlich von einem Private Equity Fonds gemanaged.

Wie lange wollen wir uns der Anerkennung der Lebenslügen unserer Gesellschaft noch entziehen? Bis uns die Geschäftsgrundlage entzogen wird? Es sieht fast so aus. Wir „vertrauen“ verzweifelt noch den Resten dessen, was das Abendland einmal „Vernunft“ genannt hatte. Das zwingt uns zu ununterbrochener Fixierung der Probleme, so als müssten wir diese mit ausschließlicher Hilfe der zum rationalisierenden Verstand verkümmerten Vernunft geradezu magisch bannen. Das ist eine anstrengende und zunehmend gefährliche Angelegenheit.

Denn was dadurch zu geschehen droht, hat der oben genannte Erhart Kästner an anderer Stelle als schlagartig einsetzende Götterdämmerung der Neuzeit so beschrieben:

„Neuzeit will ganz und gar aus Vernunft leben. Das ist der Wille zu ununterbrochenem Wachsein. Das wird sie bezahlen müssen. Ihre übervernünftige Rechnung wird ihr nicht den Gefallen tun, dass sie aufgeht. Und ähnlich, wie der Übermüdete in einem Moment in den Schlaf fällt, der höchste Gefahr bringt, wird sie in die Unvernunft nicht sinken, sondern gestoßen werden. Und es wird eine Unvernunft sein, die mit keiner Vernunft mehr im Spiele ist. Das wird kein guter Schlaf werden. Das kann nur ein Schlaf werden mit Alpträumen.“

Wann ändern sich Menschen?

Bei Einsicht oder durch Leidensdruck. Leidensdruck macht ca. 98 % der Fälle aus, der Rest ist bewusste Einsicht. Das passt zum Verhältnis der Umsatzes aus virtuellen, künstlichen Geldgeschäften an den Finanzmärkten zu den Beträgen, die die „Realwirtschaft“ bewegt: 98% zu 2%. Und diese 98 % machen uns jetzt den Leidensdruck, um uns endlich der Reste unserer wahrhaften Vernunft zu erinnern. Dazu braucht es Frieden. Vor allem im eigenen Herzen. Wie Mahatma Gandhi sagte, dass man dazu, wenn überhaupt, nur die Teufel im eigenen Herzen bekämpfen solle.

Investmentbanker, die legal, aber nicht mehr legitim handeln, sind Symptomträger des kranken Systems. Wir selber sind das System, denn wir sind das Geld.

Für all das braucht es Achtsamkeit, Wohlwollen im Umgang mit sich und miteinander, Ausdauer, Beharrlichkeit, Nüchternheit und auch eine gewisse Arglosigkeit. Sonst wird niemals Vertrauen zurückkehren, das den Namen verdient. Bedingung und Folge ist: radikaler Respekt. Vor sich und vor dem Anderen. Allen anderen. Also keine neue Achse des Bösen.

Sonst wirken die respektlosen Äußerungen eines Herrn Lafontaine gegen die Investmentbanker wie Beschleuniger für den Flächenbrand. Wie heißt es doch so schön respektlos: Man sollte keine Gelegenheit im Leben verstreichen lassen einfach mal die Klappe zu halten.