Archiv für das Tag 'Finanzsystem'

Volker Viehoff

Zwei Interviews mit Margrit Kennedy

In den vergangenen Tagen sind zwei Interviews mit Prof. Margrit Kennedy, die sich seit vielen Jahren für Regionalwährungen einsetzt, in großen Publikationen erschienen, und haben dem Thema komplementäre Währungen/Alternativen zum Finanzsystem somit eine größere Öffentlichkeit verschafft. Heute hieß in der Süddeutschen Zeitung: „Kreditnehmer sind die neuen Sklaven”.

SZ: Geldvermehrung ist also in Ihrem Weltbild nicht per se schlecht, wenn es nur der guten Sache dient?

Kennedy: Richtig. Ich bin heute der Meinung, dass wir das Zinsthema nie ganz aus der Welt schaffen werden, weil es irgendwo immer eine Möglichkeit geben wird, Zinsen zu erwirtschaften. Was wir aber brauchen, ist ein anderer Zugang zu Geld. Wir müssen lernen, dass es andere Möglichkeiten gibt, Geld zu benutzen und Geldentwürfe umzusetzen. Zum Beispiel solche, die Bildung fördern, Ökologie, soziale Projekte.

SZ: Nennen Sie ein Beispiel.

Kennedy: Überzeugend ist das Fureai-Kippu-System in Japan. Jüngere Menschen, die bereit sind, für ältere Pflegeleistungen zu erbringen, bekommen vom Staat Stundengutschriften. Diese können sie später für sich selbst oder für ihre Eltern oder Freunde verwenden. Das bestechend Einfache daran: Eine Stunde ist eine Stunde ist eine Stunde - ein völlig inflationssicheres Geld also. Interessant ist, dass die Japaner sich mittlerweile lieber für einen der freiwilligen “Stundenkräfte” als für professionelle Dienstleister entscheiden, weil Erstere eine größere Motivation mitbringen. Das ist wie eine ergänzende Währung zum Yen und stärkt nebenbei die Gemeinschaft.

Und vor einigen Tagen äußerte Margrit Kennedy im Gespräch mit FAZ.net: „Geld kann nicht für uns arbeiten”:

Was müsste Ihrer Meinung nach getan werden?

Im aktuellen Geldsystem ergänzen sich der Zins und die Inflation bestens, um den Geldkreislauf in Gang zu halten. Der führt jedoch zwangsläufig zu Instabilität. Denn durch den Zinseszinseffekt folgt das Geld einem exponentiellen Wachstum, was aus mathematischer Notwendigkeit zu Instabilität führen muss. So lange wir das nicht ändern, wird das Weltfinanzsystem instabil bleiben.

Unzeitgemäße Betrachtung mit einem zeitgemäßen Aufruf

Was ist Geld denn nun? Wie oft mag diese Frage in den letzten Wochen gestellt worden sein? Oder ist mitgeschwungen in der bangen Frage: ist mein Geld denn noch sicher?! Und wenn ja, wo?
Haben die Talkrunden beruhigen können? Waren die Erklärungen des Bankberaters mehr als Beschwichtigungen? Haben die Expertenstatements überzeugt? Fand sich in den Gesprächen mit Freunden, Nachbarn, Kollegen Aufschluss und Perspektive?

Offensichtlich ist Geld anders. Es scheint es wirklich zu geben, dieses „Geldwesen“. Und es scheint nicht so eindeutig fassbar, wie wir immer dachten. Was dieses Wesen so schwer fassbar macht: Die Ambivalenz des Geldes. Da ist zum einen ein undurchschaubares Finanzsystem entstanden, dass nun auch Experten nicht mehr verstehen und welches offensichtlich ein Eigenleben entwickelt hat, dass uns Angst und Bange wird. Und warum? Weil zum anderen Geld uns höchstpersönlich betrifft. Es bestimmt nicht nur unser Leben.
Es ist in gewisser Weise unser Leben. Wir sind das Geld!

Dieser Geldbogen spannt sich weit zwischen abstraktem Gegenstand der Gesellschaftwissenschaften – Wirtschaftswissenschaft, Soziologie, Politologie u.ä. – und der bei genauer Hinsicht esoterisch anmutenden Wirksamkeit des Geldes im konkreten Alltag des Einzelnen - da gibt es soviel Auffassungen über die Bedeutung und den konkreten Umgang mit Geld wie es Menschen gibt. Geld ist Leben.

Eins scheint jedenfalls sicher: Geld ist sicher nicht das, was wir dachten. Was jetzt geschehen ist und noch geschehen wird, hat viel damit zu tun. Es hat etwas damit zu tun, dass wir als Einzelne und als Gemeinschaft über lange Zeit uns einfach keine ernsthaften Gedanken mehr über das Geldwesen gemacht haben. Wir haben es sozusagen „laufen lassen“. Und wie es jetzt aussieht, ist es dabei ziemlichen dubiosen Kreisen in die Hände geraten.

Jedenfalls scheinen wir alle mehr damit zu tun zu haben, als uns lieb ist. Es ist jetzt aber nicht die Zeit Opfer zu spielen, Täter zu beschuldigen der nach dem Retter zu fahnden. Es kommen Probleme ganz anderen Ausmaßes auf uns zu.

Wir müssen Verantwortung neu übernehmen.

Die nachfolgende Betrachtung versteht sich als ein Versuch. Der Versuch eines Anfangs. Vielleicht geht es in der nächsten Zeit vor allem um Anfänge dieser Art, noch nicht um Lösungen. Wir werden noch genug mit der akuten Bewältigung der kommenden Krisen zu tun haben. Um daraus zu lernen braucht es Besonnenheit, das Ergebnis von sich besinnen. Versuchen wir, uns ein wenig zu besinnen, uns zu fragen: Was ist da eigentlich passiert? Wie hängt da was zusammen? Was sind jetzt die Konsequenzen? Was kann und muss jeder Einzelne beginnen zu tun?

Was geht hier eigentlich vor?

Kreditkrise - Finanzkrise - Bankenkrise - Wirtschaftskrise - Gesellschaftskrise.
So in etwa der Dominoeffekt des Geschehens. Derzeit kippt der dritte auf den vierten Stein. Dass die Banken nicht gleich ganz zur Seite weggefallen sind und unser Spiel sofort aus gewesen wäre, hat u.a. mit dem guten Krisenmanagement von Kanzlerin und Finanzminister zu tun. Bundesbankpräsident Axel Weber fand wohl im rechten Moment Gehör. Ein Zusammenbrechen der Hypo Real Estate hätte offensichtlich das Bankenclearingsystem schlagartig zum Erliegen gebracht. Eine unmittelbare Folge: Kein Geld mehr an den Automaten. Bei dieser Information seien Kanzlerin und ihr Finanzminister „erbleicht”. Kein Wunder. Daher die Entschlossenheit und das Pathos. Gut gemacht!

Die Regierung hat die akute Bankenkrise vorerst entschärft. Dafür hat sie, wie fast alle anderen Regierungen auch, ihre sowieso eigentlich schon nicht mehr vorhandenen Mittel auf Jahre bis aufs Äußerste angespannt. Hier geht nichts mehr.

Die wirkliche Krise kommt aber erst jetzt. Die Finanzkrise war das Seebeben. Die Bankenkrise das schlagartige Zurückweichen des Wassers. Sie wissen was dann geschah.

Die Krise der „Realwirtschaft“

Die Welle rollt schon heran. Und hier in der wird der Staat finanziell keine wirklich hilfreiche Rolle mehr spielen können. Lafontaine würde das sofort erkennen, hätte er jetzt Verantwortung zu tragen. Als er sie in
Schönwetterzeiten als Finanzminister hatte, hat er sich schon nach fünf Monaten beim ersten Luftzug aus dem Staub gemacht.

Was zeichnet sich ab?

Die gedankliche Unterscheidung in “Finanzwirtschaft” und “Realwirtschaft” hat einen kleinen Schönheitsfehler. Unsere westliche Zivilisation hat es sich zwar eine Weile -zu Lasten der restlichen Welt - leisten können, eine Finanzvirtualität ungeheuren Ausmaßes, ein “Monster” (Bundespräsident Köhler), groß und mächtig werden zu lassen. Dieses “Ding” hatte scheinbar immer weniger “Kontakt” mit der wirklichen Welt, der realen Wirtschaft. Jetzt zeigt sich der fatale Irrtum. Die himmelsstürmenden und nun einstürzenden
Türme der Finanzgigantomanie schlagen hart auf dem Boden der Tatsachen auf. Und dort ist sie: Die „Realwirtschaft” - Mittelständische Unternehmen, die das Rückgrat der deutschen und europäischen Wirtschaftskraft ausmachen.

Ihnen könnte es jetzt selber das Rückgrat brechen.

Das sieht etwa so aus:
Es ist abzusehen, dass die Finanzversorgung der mittelständischen Wirtschaft in eine bedrohliche Krise geraten wird. Die Banken als Kreditgeber haben die Kreditzügel fest angezogen und werden dies auch weiter tun. Zurückgehender Absatz, Entlassungen, weniger Kaufkraft, weniger Staatsnachfrage verschlechtern die Bonität, machen weiteren Kredit unmöglich und lösen eine Welle von Unternehmenszusammenbrüchen aus:
Vom Automobilzulieferer bis zum IT - Dienstleister, vom Heizungsinstallateur mit zwei Meistern, fünf Gesellen und zwei Lehrlingen bis zum Biobäcker mit drei Filialen, vom Landwirt bis Spezialmaschinenbauer.

Wie kommt das Geld in die Wirtschaftswelt: Die Banken.

Denn es wird nun Banales offensichtlich, an das wir uns nur zu sehr gewöhnt hatten:
Die globalisierte Weltwirtschaft braucht ununterbrochene und verlässliche Versorgung mit Finanzierungsmitteln bis in den letzten Winkel. Wie der Körper Blut in allen Zellen braucht - ohne jede dauerhafte Unterbrechung.
Das Finanzierungsmittel der modernen Wirtschaft ist das Geld der Notenbank - als „gesetzliches Zahlungsmittel mit Annahmezwang für den Geschäftsverkehr”. Es hat eine quasi Monopolstellung. Das hat durch Effizienzsteigerungen des Systems über lange Zeit eine enorme Dynamik sich entfalten lassen. Doch die Kehrseite ist jetzt auch die enorme Anfälligkeit, die nun offensichtlich wird.

Denn der Zugang zu dem Notenbankgeld (derzeit bei uns der „Euro“) für den Einzelnen geht nur über den Umweg des Bankensystems. Die „Geldausgabestelle” ist die Notenbank, Zugang haben nur die akkreditierten Geschäftsbanken als „Geldverteilerstelle” und „Geldschöpfungsmaschinerie“ über Darlehen, Überziehungskredite, Interbankenlinien. Die ersten 60 DM waren 1948 noch „umsonst”, von den Siegern “geschenkt”, die noch bestehenden Reichsmarkguthaben wurde abgewertet und in (DM) Kraft gesetzt. Auf den Konten der Banken. Auszahlung nur über Banken. Verwendung der Sparguthaben solange, es nicht abgehoben wurde: In den Banken. Als Kredit. Jede Einlage erzeugt über das Bankensystem mehrfachen Kreditspielraum. Solange die Sparer nicht kommen. Banken sind der Abrechnungsweg des Wertschöpfungszuwachs durch die wachsende Wirtschaftleistung; mittels Zufluss aus dem Ausland oder neuer Geldausgabe der Notenbank, um die wachsende Wirtschaft mit mehr Geld zu „versorgen“: Über die Banken.

Es kommt nicht von ungefähr, dass es eigenes „Gesetz über das Kreditwesen” gibt. Dieses hatte früher sehr klare Prinzipien, die einen weiten Spielraum für regionalen und sektoralen Gestaltungsspielraum schufen. Fast ein schmales Büchlein. Heute ist das Kreditwesengesetz ein dicker Wälzer, der sich in unzählbaren Handlungsverordnungen verstrickt hat. Die Regelungswut hat fatale Folgen. Selbst die Bankenprüfer übersehen in diesem Gewirr die wirklichen Risiken. Wie kann sonst eine Sachsen LB oder IKB aus „Versehen” pleite gehen? Wie kann man so etwas Gravierendes übersehen? Weil die Aufmerksamkeitskraft des rationalen Verstandes schon so ermüdet ist.

Der Weg in die Systemkrise

Wo waren noch Ursachen dieser Zusammenbrüche? In der Kreditkrise der Hausbesitzer in den USA . Auslöser war der dort zusammenbrechende Immobilienmarkt, als bei zahllosen Darlehen sprunghaft die Zinsen stiegen und die Kreditnehmer reihenweise pleite gingen. Zuviel Immobilien gleichzeitig am Markt bei immer weniger Nachfragern heißt starker Preisverfall. Was wieder zur Folge hatte, dass noch mehr Kreditnehmer pleite gingen, als sie ihre Kredite aufgrund fallenden Marktwertes der Häuser nachbesichern mussten und nicht konnten.

Der erste Dominoeffekt.

Über Jahre hatten die Geschäftsbanken dort “Kredite” verschleudert. Wer nicht bei drei auf dem Baum war, hatte ein Haus am Hals, dessen tatsächliche Kosten sich nun wie eine Schlinge zuziehen. Denn der Kredit war anfangs fast wirklich „umsonst”, kaum Zinsen. Wie konnten das die Banken machen? Sie hatten selber von der US Notenbank Unsummen an fast kostenlosem Geld bekommen. Das auslösenden Datum: 9/11. Ein Menetekel?

Um den Schock des Zusammensturzes der Twin Towers schnell zu überwinden hatte die Notenbank den Markt mit Geld „geflutet” - offensichtlich ohne diesen „Geldsee” wieder planvoll abfließen zu lassen. Doch Geld bei der Bank sucht immer nach Ertrag bringender Anlage. Da die Blase der New Ecomomy kurz zuvor schon geplatzt war, musste eine neues Ertragsfeld gefunden, genauer: erfunden werden.

Das war der Immobilientraum der Amerikaner. Dort zählt gesellschaftlich offensichtlich nur, wer ein Haus sein eigen nennt, egal wie es finanziert ist. Die enormen Risiken aus diesen Geschäften “verkauften” die Geschäftsbanken dann gleich weiter. „Wie geht denn so was?“, fragt sich der normale Mensch. Seit den 80er Jahren hat sich, politisch gewollt und durchgesetzt, vor allem von Ronald Reagan und Margret Thatcher, und rechtlich dann abgesichert, ein Raum ganz neuer Finanzgestaltungsmöglichkeiten ergeben. In Allianz mit
entsprechenden Wirtschaftsschulen (z.B. Milton Friedman) und rasantem Fortschritt in der Datentechnik entstand dann das, was wir heute “Finanzindustrie” nennen. Und erzeugte natürlich auch die dazu passenden Manager. Deren Rohstoff: Geld anderer Leute. Das Ziel: Daraus viel mehr Geld zu machen und möglichst viel davon selber zu behalten. Der Weg dahin: egal, wenn er nur zweckmäßig ist. Der „Banker“ war geboren.

Die Ethik eines Bankiers sah anders aus.

Groß und mächtig geworden ist dieses Investmentbanking aber letztlich durch die Sparer selber. Durch uns. Da diese Banken über kein eigenes Privatkundengeschäft verfügten, mussten sie sich die Mttel u.a. über Geschäftsbanken, Versicherungen und Pensionsfonds besorgen. Woher hatten die noch ihre Mittel: Von uns. Zwar haben wir unseren Banken nicht gesagt, sie sollen mit Lehmann Brothers Geschäfte machen. Und nicht alle haben direkt Papiere gekauft, bei denen diesen Häusern die Mittel zugeflossen sind. Aber wir haben immer höhere Zinsen haben wollen. Und für Kredite immer weniger bezahlen. Wir waren doch nicht blöd! Oder?

Kein Wunder, dass Banken da auf Abwege geraten.

Diese „Geldindustrie“ stand dann also bereit, kaufte die Risiken auf - gegen Bares für die Geschäftsbanken, aber mit sattem Abschlag für sich selber -, „spaltete die Risiken auf und bündelte sie neu“ . Wie geht denn so was? In etwa so: aus mehreren nach Sachgebieten geordneten Akten wirft man alle Blätter in die Luft und auf dem Boden sortiert man sie dann nach Vertriebs- und Ertragsaspekten in ganz andere Ordner wieder ein. Es sind aber immer noch die – jetzt zusammenhanglosen Zettel. Diese neuen Order bekommen auch ganz andere Aufkleber. Werden aus Gründen der Verkaufbarkeit mit Hochglanzbroschüren umwickelt und mit Siegeln von Ratingagenturen aufgewertet. Diese Ratingagenturen haben etwa den Charakter von
Forschungsinstituten, die für MARBORO Unbedenklichkeitsbescheinigen ausstellen.

Diese edlen Siegel („AAA”) sahen dann die Aufsichtsräte, vor allem Politiker, in der Sachsen LB und der IKB, der Bayrischen Landesbank, der WestLB usw., und sagten sich: Na, dann ist „unser“ Geld hier doch wohl sicher!

Sprachen’s und kauften zu „guten Zinsen”, nachdem vorher die Investmentbanken für das von ihnen neu “geschaffene Produkt” einen satten Aufpreis genommen hatten. So waren alle zufrieden: Die neuen amerikanischen Hausbesitzer, die endlich „wer waren“, die Geschäftsbanken, die mit dem geschenkten Geld Erträge erzielen konnten, die Investmentbanken, die wieder mal ein paar Ahnungslose gefunden hatten, die Landesbanken , die aufgrund abhanden gekommenen Geschäftsmodells wieder Erträge erzielen konnten, die Finanzminister über deren Dividendenbeitrag zum Landeshaushalt und die kommunalen Kämmerer, da sie als Anteilseigner der Sparkassen über deren Miteigentümerschaft an den Landesbanken partizipierten. Also letztlich der Bürger und die Bürgerin. Denn die Kita muss finanziert werden, Busse sollen bezahlbar fahren, nicht jedes Schwimmbad geschlossen werden, Lehrerstellen sind wieder gefragt.

So in etwa funktioniert heute Globalisierung auf verschlungenen Finanzpfaden. Und hier zeigt sich die fundamentale Gefahr und die akute Bedrohung für unser Gemeinwesen. In diesem System ist alles mit allem verbunden. Vorteile und Nachteile schlagen nicht nur voll durch. Sie verstärken linear den (scheinbaren) Nutzen, aber potenzieren den Schaden im Sinne der positiven Rückkopplung. Ein sich selber verstärkender Prozess.

Die Idee war, die Risiken aus Gründen der Tragfähigkeit auf sehr viele Schultern zu „verteilen”. Das funktioniert nach dem Versichertenprinzip. Unter einer Bedingung, aber die ist entscheidend: Nicht alle dürfen gleichzeitig krank, beklaut, zum Todesfall werden.

Doch genau das geschieht jetzt und zwar AUFGRUND der selber erst geschaffenen Vernetzung. Denn das Schultern von Lasten geht nur, wenn jeder für sich stehen kann, selbständig auf eigen zwei Beinen. Hier lehnen aber alle Schultern aneinander. Keiner steht mehr für sich. . Da reicht es, wenn einer fällt. Dominoeffekt. Jeder hat sich auf den anderen verlassen und steht jetzt verlassen da. Von den Banken ist kurzfristig kaum Hilfe zu erwarten, im Gegenteil. Sie werden die Krise erst recht verschärfen, denn sie liegen für lange auf der Intensivstation. Die Rettungspakete der Regierungen haben nur den Exitus
verhindert, mehr nicht.

Wie nun an Geld kommen, wo doch die Versorgung von Geld derzeit nur über die Banken möglich ist?
Derzeit.

Geld ist öffentliches Gut. Die Privatisierung der Geldversorgung übe den Weg privater Banken gibt es erst seit der Renaissance. Was es jetzt braucht ist eine Initiative direkt zwischen BürgerInnen und ihrem eigenen (!) Staat. Beide müssen sich bewegen und sehr ungewohnte Pfade treten, damit das Geld weiter fließen kann. Geld muss. neben der Bankengeldsschöpfung, auch direkt vom Staat an die Bürger fließen können. Und umgekehrt müssen BürgerInnen ihr Geld selber schaffen können, so wie sie es zur Leistungserzeugung benötigen. Das Effizienzstreben hat zwar ein hochkompliziertes effizientes, aber aufgrund der „Artenarmut“ enorm brüchiges System geschaffen hat. Vielfalt ist jetzt das Gebot der Stunde. Die moderne Systemforschung liefert dafür exzellente Vorarbeit.

Wir stehen vor einer Bedrohung existenziellen Ausmaßes. Es gibt zwei schlimmste Dinge, die eine Gemeinschaft auf lange Sicht verheeren: Krieg und Währungszusammenbrüche.

Wie konnte das passieren? Die Gründe mögen tiefer liegen, als wir dachten. Es braucht ein fundamentales Umdenken. Genauer, ein neues Erleben von dem, was wir als Realität bezeichnen.

Geld hat was mit uns zu tun. Wir haben was mit Geld zu tun

Deswegen bedarf die Dominokette vom Beginn vielleicht zwei Ergänzungen, etwa so:
Bewusstseinskrise (= Sinnkrise) - Kreditkrise (= Vertrauenskrise) - Finanzkrise (= Systemkrise) - Bankenkrise (= Organkrise) - Wirtschaftskrise - (Organisationskrise) - Gesellschaftkrise (= Gemeinschaftskrise) - Bewusstseinskrise (= Sinnkrise)

Eigentlich ist es ein Kreis, genauer noch: eine dreidimensionale Spirale der Entwicklung. Also wirklicher Fortschritt. Man kommt sozusagen „auf einer höheren Ebene” wieder an dieselbe Stelle. Aber es ist nicht mehr dieselbe, weil man selber durch die Krisen gereifter, fähiger, eben bewusster geworden ist.

Das Bild könnte eine Deutungshilfe sein. In Krisen kommt es besonders darauf an, sich tragfähige und kraftvolle Deutungsbilder zu erschließen. Da die gewohnte Ordnung der Dinge sich auslöst und dabei das neue Gestaltungsprinzip immer erst noch gefunden werden will, kann auch die daraus zu schaffende Ordnung noch nicht realisiert werden.

Dies ist ein notwendiger Schwebezustand. Hier herrschen andere Regeln vernünftigen Verhaltens, als wenn die Dinge in geordneten Bahnen laufen. Wichtige Element sind eben „Deutungskraft” als Orientierung im tagtäglichen Geschehen (die „Taktik”) und „Visionskraft” als Richtungsradar im Nebel (die „Strategie”).

Das ist nicht an sich schwer. Nur ungewohnt. Weil unser abendländischer Verstand seit Generationen „anders unterwegs” war. Das macht uns im Moment die Sache etwas problematischer, als sie eigentlich ist. Es kommt jetzt darauf an, das in den letzten Jahrzehnten entdeckte oder wiederentdeckte Wissen um die Realität dieser inneren Entwicklungsprozesse jetzt in rational formulierbare Steuerungsfähigkeiten zu übertragen und sich dies als Fertigkeit anzueignen.

Das geht allerdings nur durch eigenes Erleben jedes Einzelnen, der dies für sich erwerben will. Sonst entstehen nur weitere Hirngespinste.

Die Herausforderung besteht also nun darin, dieses den Machtinhabern des politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Diskurses nahe zu bringen, sie dafür öffnen, sie zu ermutigen und dabei zu unterstützen. Das ist kein unmögliches Unterfangen. Was hemmt ist nichts als Angst, dies allerdings massiv und meist verdeckt durch rationalisierende Argumentationen. Erfahrungen zeigen aber, wie schnell hier Veränderungen von Statten gehen, wenn nur ein erster Schritt gelingt. Der Auslöser aber zur Bereitschaft dieses entscheidenden ersten Schrittes ist fast immer die Krise. Nicht umsonst heißt dieses griechische Wort übersetzt: Chance, Möglichkeit”.

Wie konkret beginnen?

Hier einige Ideen:

Sprechen Sie miteinander – Freunde, Bekannte, Unbekannte - organisieren Sie Treffen, stellen sie einfache Regeln dafür auf. Üben sie Zuhören und einfache Rede. Niemand kennt den Stein der Weisen, es geht ums gemeinsame “Erkunden”, nicht um Meinungen oder Überzeugungen.

Suchen Sie das Gespräch mit dem Arbeitgeber. Schaffen Sie Transparenz. Diese schafft Klarheit und löscht Angst. Sind sie selber einer, sprechen sie offen mit den Angestellten. Jeder weiß was. Jeder kennt jemanden, der was weiß und kann. Miteinander sprechen verhindert Abgleiten in innere Panik.

Suchen Sie Blogs auf (oder organisieren sie selber einen), wo fließender Austausch, Vernetzung und Diskussion via Internet stattfindet. Nehmen Sie sich vor allem vor auf das zu achten, was sie stört, ärgert, ihnen widerstrebt, rätselhaft erscheint. Nur im Rätsel ist Rat.

Werden Sie als Unternehmer initiativ. Suchen Sie Kontakt zu Zahlungssystemen , die Leistungen ohne Banken abwickeln - www.WIR.ch Gründen Sie Initiativen – fordern sie Kammern und Kommunalpolitiker zur Unterstützung auf.

Sind Sie Akademiker, fordern Sie Universitäten auf zum offen und interdisziplinären Diskurs auf. Rufen Sie die Wissenschaftler heraus aus ihren Elfenbeintürmen. Jetzt sofort. Sie werden jetzt wirklich gebraucht. Suchen Sie Kontakt zu Think Tanks für Währungsdiversifizierung. www.lietaer.com

Schauen Sie sich um, wo in Ihrer Stadt Initiativen sind www.regiogeld.de , die sich jetzt mit Geldfragen beschäftigen (oder gründen sie selber eine). Achten Sie dabei möglichst auf Vielfalt der Ansätze und Aspekte. Ob ethische Fragen, religiöse Quellen, konkretes Alternativgeld , Informationsveranstaltungen mit
Bankern und Politikern, Bürgermeistern und Landräten, Gesprächsrunden mit Schülern, Lehrern, Gewerkschaftern. Egal - aber: werden sie initiativ, d.h. konkret: Sie.

Schreiben Sie Artikel oder Leserbriefe und schicken diese an Zeitungen. Rufen Sie dort an und fragen Sie, woher die Redaktion Ihre Informationen oder ihre Kenntnisse haben. Greifen Sie diese nicht an, laden Sie sie ein, gemeinsam zu lernen und den Horizont zu erweitern.

Gehen Sie zu Ihrer Bank und bitten Ihre / n BeraterIn um ein Gespräch mit ausreichend Zeit ( mind. eine Stunde ) . Beruhigen Sie ihn / sie, dass, Sie nicht zum Anklagen oder zur Panikbehandlung gekommen sind. Laden Sie ihn / Sie ein, gemeinsam zu überlegen, was zukünftig für eine gute Vertrauensbeziehung
notwendig ist. Sprechen sie von Herzen. Gehen Sie dabei davon aus, dass ihr Gegenüber auch nichts lieber möchte als das.

Hier ist schon der Platz für Ihre Ideen. Sie haben viel mehr davon, als Sie im Moment auch nur ahnen!

Demokratie kennt kein Wegsehen

Demokratie ist immer der freiwillige Zusammenschluss von selbständigen Menschen – oder sie hört auf zu existieren. Diese sind bereit die volle Verantwortung selber zu tragen und auf niemanden abzuwälzen. Diktatur ist die Gefolgschaft von Abhängigen. Das ist bequem, aber letztlich tödlich. Demokratie ist oft unbequem, aber immer der Bemühung wert, um ein menschenwürdiges Dasein zu gestalten.

Kein Zweifel, wir sind in unser Servicedemokratie sehr bequem geworden. Sehr. Deswegen kommt uns eine entsprechende Krise zu Hilfe. Man könnte sagen: Das Leben meint es gut mit uns. Zwar haben uns die Amerikaner ein Gutteil dieser Krise eingebrockt, aber sie verkörpern auch kraftvolle Haltungen, wenn es ums pragmatische Anpacken geht. Jedenfalls haben das mal verstorbene Präsidenten so ausgestrahlt, bei den lebenden bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Also: Zum Schluss zwei Zitate. Das erste als Haltung, das zweite als Handlungsanweisung.

„Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, frag dich selber, was du für dein Land tun kannst.” (John. F. Kennedy)
„If one thing does not work, try another. But above all: try something!” (Franklin D. Roosevelt)

In diesem Sinne: Go! You can do it!

Volker Viehoff, 20.Oktober 2008
1995 – 2000 Mitglied des Vorstandes der Ökobank eG
Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft Viehoff GmbH

>> Download als pdf (in der Version des am 3.11. gehaltenen Vortrags)