Archiv für das Tag 'Geld'

Ein interessantes Interview mit Bernard A. Lietaer findet sich auf der Connection-Website – hier ein kleiner Auszug:

Bernard Lietaer war Professor für Internationales Finanzwesen in Leuven, Berater für mehrere südamerikanische Regierungen und europäische Institutionen sowie für multinationale Konzerne auf vier Kontinenten und Präsident des elektronischen Zahlungssystems in Belgien. Fünf Jahre lang beschäftigte er sich mit dem Entwurf und der Durchsetzung der europäischen Währung, dem Euro. Die Herausgeberin des amerkanischen Magazins »Yes« Sarah van Gelder sprach mit Bernard Lietaer über die Nachteile unseres bisherigen Währungssystems und die Chancen einer Erneuerung

Sarah: Warum setzen Sie so viel Hoffnung auf die Entwicklung alternativer Währungen?

Lietaer: Geld ist wie ein eiserner Ring, den wir durch unsere Nasen getrieben haben. Wir haben vergessen, dass wir das Geld erfunden haben und jetzt führt es uns im Kreis herum. Ich denke, dass es an der Zeit ist, darüber nachzudenken, wo wir eigentlich hin wollen – nach meiner Ansicht zu mehr Gemeinschaft und mehr Nachhaltigkeit. Dann sollten wir das Geldsystem zu entwickeln, das uns dorthin führt.

Sarah: Sie würden also sagen, dass die heutige Geldordnung die Ursache für vieles ist, was heute in unserer Gesellschaft passiert, bzw. nicht passiert?

Lietaer: Ja. Während in Wirtschaftsfachbüchern behauptet wird, dass Menschen und Firmen für mehr Weltmarktanteile und Rohstoffe im Wettbewerb stehen, behaupte ich, dass sie in Wirklichkeit für höhere Profite kämpfen und Weltmarktanteile und Rohstoffe nur dafür benützen. Deshalb bedeutet die Entwicklung einer neuen Währungsordnung die Neudefinition des Wirtschaftszieles. Darüber hinaus glaube ich nicht, dass Gier und Wettbewerb aus der unveränderbaren menschlichen Natur resultieren. Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass Gier und die Angst vor Knappheit durch das jetzt praktizierte Geldsystem ständig erzeugt und vergrößert werden.

Volker Viehoff

Veranstaltungstipp

Montag, 3.11.2008 – Kiel, Holsteiner (am Holsteinstadion, Westring 501), 19:30 Uhr – „Das Geld ist tot – lang lebe das Geld”

Milliardenpakte, bald Billionenpaket (1000 Milliarden) zur Rettung eines Systems, das genau die Probleme erzeugt hat, dass einer aufgeblähten Geldmenge keine Werte gegenüberstehen und somit die Sicherheiten fehlen.

Was haben wir Bürger damit zu tun? Was sollten wir tun / wissen / fordern / verstehen? Was sollten wir gemeinsam entwickeln? Eine echte Neulandsuchveranstaltung mit dem ehemaligen Bankvorstand Volker Viehoff am 3.11.2008 um 19.30 Uhr.

Flugblatt zum Runterladen

Den Vortrag finden Sie in meinem Beitrag vom 20.10.2008 – „Geld ist eine rein rationale Sache – und die Erde eine Scheibe”.

Und hier das PDF des Vortrags zum Herunterladen

Unzeitgemäße Betrachtung mit einem zeitgemäßen Aufruf

Was ist Geld denn nun? Wie oft mag diese Frage in den letzten Wochen gestellt worden sein? Oder ist mitgeschwungen in der bangen Frage: ist mein Geld denn noch sicher?! Und wenn ja, wo?
Haben die Talkrunden beruhigen können? Waren die Erklärungen des Bankberaters mehr als Beschwichtigungen? Haben die Expertenstatements überzeugt? Fand sich in den Gesprächen mit Freunden, Nachbarn, Kollegen Aufschluss und Perspektive?

Offensichtlich ist Geld anders. Es scheint es wirklich zu geben, dieses „Geldwesen“. Und es scheint nicht so eindeutig fassbar, wie wir immer dachten. Was dieses Wesen so schwer fassbar macht: Die Ambivalenz des Geldes. Da ist zum einen ein undurchschaubares Finanzsystem entstanden, dass nun auch Experten nicht mehr verstehen und welches offensichtlich ein Eigenleben entwickelt hat, dass uns Angst und Bange wird. Und warum? Weil zum anderen Geld uns höchstpersönlich betrifft. Es bestimmt nicht nur unser Leben.
Es ist in gewisser Weise unser Leben. Wir sind das Geld!

Dieser Geldbogen spannt sich weit zwischen abstraktem Gegenstand der Gesellschaftwissenschaften – Wirtschaftswissenschaft, Soziologie, Politologie u.ä. – und der bei genauer Hinsicht esoterisch anmutenden Wirksamkeit des Geldes im konkreten Alltag des Einzelnen - da gibt es soviel Auffassungen über die Bedeutung und den konkreten Umgang mit Geld wie es Menschen gibt. Geld ist Leben.

Eins scheint jedenfalls sicher: Geld ist sicher nicht das, was wir dachten. Was jetzt geschehen ist und noch geschehen wird, hat viel damit zu tun. Es hat etwas damit zu tun, dass wir als Einzelne und als Gemeinschaft über lange Zeit uns einfach keine ernsthaften Gedanken mehr über das Geldwesen gemacht haben. Wir haben es sozusagen „laufen lassen“. Und wie es jetzt aussieht, ist es dabei ziemlichen dubiosen Kreisen in die Hände geraten.

Jedenfalls scheinen wir alle mehr damit zu tun zu haben, als uns lieb ist. Es ist jetzt aber nicht die Zeit Opfer zu spielen, Täter zu beschuldigen der nach dem Retter zu fahnden. Es kommen Probleme ganz anderen Ausmaßes auf uns zu.

Wir müssen Verantwortung neu übernehmen.

Die nachfolgende Betrachtung versteht sich als ein Versuch. Der Versuch eines Anfangs. Vielleicht geht es in der nächsten Zeit vor allem um Anfänge dieser Art, noch nicht um Lösungen. Wir werden noch genug mit der akuten Bewältigung der kommenden Krisen zu tun haben. Um daraus zu lernen braucht es Besonnenheit, das Ergebnis von sich besinnen. Versuchen wir, uns ein wenig zu besinnen, uns zu fragen: Was ist da eigentlich passiert? Wie hängt da was zusammen? Was sind jetzt die Konsequenzen? Was kann und muss jeder Einzelne beginnen zu tun?

Was geht hier eigentlich vor?

Kreditkrise - Finanzkrise - Bankenkrise - Wirtschaftskrise - Gesellschaftskrise.
So in etwa der Dominoeffekt des Geschehens. Derzeit kippt der dritte auf den vierten Stein. Dass die Banken nicht gleich ganz zur Seite weggefallen sind und unser Spiel sofort aus gewesen wäre, hat u.a. mit dem guten Krisenmanagement von Kanzlerin und Finanzminister zu tun. Bundesbankpräsident Axel Weber fand wohl im rechten Moment Gehör. Ein Zusammenbrechen der Hypo Real Estate hätte offensichtlich das Bankenclearingsystem schlagartig zum Erliegen gebracht. Eine unmittelbare Folge: Kein Geld mehr an den Automaten. Bei dieser Information seien Kanzlerin und ihr Finanzminister „erbleicht”. Kein Wunder. Daher die Entschlossenheit und das Pathos. Gut gemacht!

Die Regierung hat die akute Bankenkrise vorerst entschärft. Dafür hat sie, wie fast alle anderen Regierungen auch, ihre sowieso eigentlich schon nicht mehr vorhandenen Mittel auf Jahre bis aufs Äußerste angespannt. Hier geht nichts mehr.

Die wirkliche Krise kommt aber erst jetzt. Die Finanzkrise war das Seebeben. Die Bankenkrise das schlagartige Zurückweichen des Wassers. Sie wissen was dann geschah.

Die Krise der „Realwirtschaft“

Die Welle rollt schon heran. Und hier in der wird der Staat finanziell keine wirklich hilfreiche Rolle mehr spielen können. Lafontaine würde das sofort erkennen, hätte er jetzt Verantwortung zu tragen. Als er sie in
Schönwetterzeiten als Finanzminister hatte, hat er sich schon nach fünf Monaten beim ersten Luftzug aus dem Staub gemacht.

Was zeichnet sich ab?

Die gedankliche Unterscheidung in “Finanzwirtschaft” und “Realwirtschaft” hat einen kleinen Schönheitsfehler. Unsere westliche Zivilisation hat es sich zwar eine Weile -zu Lasten der restlichen Welt - leisten können, eine Finanzvirtualität ungeheuren Ausmaßes, ein “Monster” (Bundespräsident Köhler), groß und mächtig werden zu lassen. Dieses “Ding” hatte scheinbar immer weniger “Kontakt” mit der wirklichen Welt, der realen Wirtschaft. Jetzt zeigt sich der fatale Irrtum. Die himmelsstürmenden und nun einstürzenden
Türme der Finanzgigantomanie schlagen hart auf dem Boden der Tatsachen auf. Und dort ist sie: Die „Realwirtschaft” - Mittelständische Unternehmen, die das Rückgrat der deutschen und europäischen Wirtschaftskraft ausmachen.

Ihnen könnte es jetzt selber das Rückgrat brechen.

Das sieht etwa so aus:
Es ist abzusehen, dass die Finanzversorgung der mittelständischen Wirtschaft in eine bedrohliche Krise geraten wird. Die Banken als Kreditgeber haben die Kreditzügel fest angezogen und werden dies auch weiter tun. Zurückgehender Absatz, Entlassungen, weniger Kaufkraft, weniger Staatsnachfrage verschlechtern die Bonität, machen weiteren Kredit unmöglich und lösen eine Welle von Unternehmenszusammenbrüchen aus:
Vom Automobilzulieferer bis zum IT - Dienstleister, vom Heizungsinstallateur mit zwei Meistern, fünf Gesellen und zwei Lehrlingen bis zum Biobäcker mit drei Filialen, vom Landwirt bis Spezialmaschinenbauer.

Wie kommt das Geld in die Wirtschaftswelt: Die Banken.

Denn es wird nun Banales offensichtlich, an das wir uns nur zu sehr gewöhnt hatten:
Die globalisierte Weltwirtschaft braucht ununterbrochene und verlässliche Versorgung mit Finanzierungsmitteln bis in den letzten Winkel. Wie der Körper Blut in allen Zellen braucht - ohne jede dauerhafte Unterbrechung.
Das Finanzierungsmittel der modernen Wirtschaft ist das Geld der Notenbank - als „gesetzliches Zahlungsmittel mit Annahmezwang für den Geschäftsverkehr”. Es hat eine quasi Monopolstellung. Das hat durch Effizienzsteigerungen des Systems über lange Zeit eine enorme Dynamik sich entfalten lassen. Doch die Kehrseite ist jetzt auch die enorme Anfälligkeit, die nun offensichtlich wird.

Denn der Zugang zu dem Notenbankgeld (derzeit bei uns der „Euro“) für den Einzelnen geht nur über den Umweg des Bankensystems. Die „Geldausgabestelle” ist die Notenbank, Zugang haben nur die akkreditierten Geschäftsbanken als „Geldverteilerstelle” und „Geldschöpfungsmaschinerie“ über Darlehen, Überziehungskredite, Interbankenlinien. Die ersten 60 DM waren 1948 noch „umsonst”, von den Siegern “geschenkt”, die noch bestehenden Reichsmarkguthaben wurde abgewertet und in (DM) Kraft gesetzt. Auf den Konten der Banken. Auszahlung nur über Banken. Verwendung der Sparguthaben solange, es nicht abgehoben wurde: In den Banken. Als Kredit. Jede Einlage erzeugt über das Bankensystem mehrfachen Kreditspielraum. Solange die Sparer nicht kommen. Banken sind der Abrechnungsweg des Wertschöpfungszuwachs durch die wachsende Wirtschaftleistung; mittels Zufluss aus dem Ausland oder neuer Geldausgabe der Notenbank, um die wachsende Wirtschaft mit mehr Geld zu „versorgen“: Über die Banken.

Es kommt nicht von ungefähr, dass es eigenes „Gesetz über das Kreditwesen” gibt. Dieses hatte früher sehr klare Prinzipien, die einen weiten Spielraum für regionalen und sektoralen Gestaltungsspielraum schufen. Fast ein schmales Büchlein. Heute ist das Kreditwesengesetz ein dicker Wälzer, der sich in unzählbaren Handlungsverordnungen verstrickt hat. Die Regelungswut hat fatale Folgen. Selbst die Bankenprüfer übersehen in diesem Gewirr die wirklichen Risiken. Wie kann sonst eine Sachsen LB oder IKB aus „Versehen” pleite gehen? Wie kann man so etwas Gravierendes übersehen? Weil die Aufmerksamkeitskraft des rationalen Verstandes schon so ermüdet ist.

Der Weg in die Systemkrise

Wo waren noch Ursachen dieser Zusammenbrüche? In der Kreditkrise der Hausbesitzer in den USA . Auslöser war der dort zusammenbrechende Immobilienmarkt, als bei zahllosen Darlehen sprunghaft die Zinsen stiegen und die Kreditnehmer reihenweise pleite gingen. Zuviel Immobilien gleichzeitig am Markt bei immer weniger Nachfragern heißt starker Preisverfall. Was wieder zur Folge hatte, dass noch mehr Kreditnehmer pleite gingen, als sie ihre Kredite aufgrund fallenden Marktwertes der Häuser nachbesichern mussten und nicht konnten.

Der erste Dominoeffekt.

Über Jahre hatten die Geschäftsbanken dort “Kredite” verschleudert. Wer nicht bei drei auf dem Baum war, hatte ein Haus am Hals, dessen tatsächliche Kosten sich nun wie eine Schlinge zuziehen. Denn der Kredit war anfangs fast wirklich „umsonst”, kaum Zinsen. Wie konnten das die Banken machen? Sie hatten selber von der US Notenbank Unsummen an fast kostenlosem Geld bekommen. Das auslösenden Datum: 9/11. Ein Menetekel?

Um den Schock des Zusammensturzes der Twin Towers schnell zu überwinden hatte die Notenbank den Markt mit Geld „geflutet” - offensichtlich ohne diesen „Geldsee” wieder planvoll abfließen zu lassen. Doch Geld bei der Bank sucht immer nach Ertrag bringender Anlage. Da die Blase der New Ecomomy kurz zuvor schon geplatzt war, musste eine neues Ertragsfeld gefunden, genauer: erfunden werden.

Das war der Immobilientraum der Amerikaner. Dort zählt gesellschaftlich offensichtlich nur, wer ein Haus sein eigen nennt, egal wie es finanziert ist. Die enormen Risiken aus diesen Geschäften “verkauften” die Geschäftsbanken dann gleich weiter. „Wie geht denn so was?“, fragt sich der normale Mensch. Seit den 80er Jahren hat sich, politisch gewollt und durchgesetzt, vor allem von Ronald Reagan und Margret Thatcher, und rechtlich dann abgesichert, ein Raum ganz neuer Finanzgestaltungsmöglichkeiten ergeben. In Allianz mit
entsprechenden Wirtschaftsschulen (z.B. Milton Friedman) und rasantem Fortschritt in der Datentechnik entstand dann das, was wir heute “Finanzindustrie” nennen. Und erzeugte natürlich auch die dazu passenden Manager. Deren Rohstoff: Geld anderer Leute. Das Ziel: Daraus viel mehr Geld zu machen und möglichst viel davon selber zu behalten. Der Weg dahin: egal, wenn er nur zweckmäßig ist. Der „Banker“ war geboren.

Die Ethik eines Bankiers sah anders aus.

Groß und mächtig geworden ist dieses Investmentbanking aber letztlich durch die Sparer selber. Durch uns. Da diese Banken über kein eigenes Privatkundengeschäft verfügten, mussten sie sich die Mttel u.a. über Geschäftsbanken, Versicherungen und Pensionsfonds besorgen. Woher hatten die noch ihre Mittel: Von uns. Zwar haben wir unseren Banken nicht gesagt, sie sollen mit Lehmann Brothers Geschäfte machen. Und nicht alle haben direkt Papiere gekauft, bei denen diesen Häusern die Mittel zugeflossen sind. Aber wir haben immer höhere Zinsen haben wollen. Und für Kredite immer weniger bezahlen. Wir waren doch nicht blöd! Oder?

Kein Wunder, dass Banken da auf Abwege geraten.

Diese „Geldindustrie“ stand dann also bereit, kaufte die Risiken auf - gegen Bares für die Geschäftsbanken, aber mit sattem Abschlag für sich selber -, „spaltete die Risiken auf und bündelte sie neu“ . Wie geht denn so was? In etwa so: aus mehreren nach Sachgebieten geordneten Akten wirft man alle Blätter in die Luft und auf dem Boden sortiert man sie dann nach Vertriebs- und Ertragsaspekten in ganz andere Ordner wieder ein. Es sind aber immer noch die – jetzt zusammenhanglosen Zettel. Diese neuen Order bekommen auch ganz andere Aufkleber. Werden aus Gründen der Verkaufbarkeit mit Hochglanzbroschüren umwickelt und mit Siegeln von Ratingagenturen aufgewertet. Diese Ratingagenturen haben etwa den Charakter von
Forschungsinstituten, die für MARBORO Unbedenklichkeitsbescheinigen ausstellen.

Diese edlen Siegel („AAA”) sahen dann die Aufsichtsräte, vor allem Politiker, in der Sachsen LB und der IKB, der Bayrischen Landesbank, der WestLB usw., und sagten sich: Na, dann ist „unser“ Geld hier doch wohl sicher!

Sprachen’s und kauften zu „guten Zinsen”, nachdem vorher die Investmentbanken für das von ihnen neu “geschaffene Produkt” einen satten Aufpreis genommen hatten. So waren alle zufrieden: Die neuen amerikanischen Hausbesitzer, die endlich „wer waren“, die Geschäftsbanken, die mit dem geschenkten Geld Erträge erzielen konnten, die Investmentbanken, die wieder mal ein paar Ahnungslose gefunden hatten, die Landesbanken , die aufgrund abhanden gekommenen Geschäftsmodells wieder Erträge erzielen konnten, die Finanzminister über deren Dividendenbeitrag zum Landeshaushalt und die kommunalen Kämmerer, da sie als Anteilseigner der Sparkassen über deren Miteigentümerschaft an den Landesbanken partizipierten. Also letztlich der Bürger und die Bürgerin. Denn die Kita muss finanziert werden, Busse sollen bezahlbar fahren, nicht jedes Schwimmbad geschlossen werden, Lehrerstellen sind wieder gefragt.

So in etwa funktioniert heute Globalisierung auf verschlungenen Finanzpfaden. Und hier zeigt sich die fundamentale Gefahr und die akute Bedrohung für unser Gemeinwesen. In diesem System ist alles mit allem verbunden. Vorteile und Nachteile schlagen nicht nur voll durch. Sie verstärken linear den (scheinbaren) Nutzen, aber potenzieren den Schaden im Sinne der positiven Rückkopplung. Ein sich selber verstärkender Prozess.

Die Idee war, die Risiken aus Gründen der Tragfähigkeit auf sehr viele Schultern zu „verteilen”. Das funktioniert nach dem Versichertenprinzip. Unter einer Bedingung, aber die ist entscheidend: Nicht alle dürfen gleichzeitig krank, beklaut, zum Todesfall werden.

Doch genau das geschieht jetzt und zwar AUFGRUND der selber erst geschaffenen Vernetzung. Denn das Schultern von Lasten geht nur, wenn jeder für sich stehen kann, selbständig auf eigen zwei Beinen. Hier lehnen aber alle Schultern aneinander. Keiner steht mehr für sich. . Da reicht es, wenn einer fällt. Dominoeffekt. Jeder hat sich auf den anderen verlassen und steht jetzt verlassen da. Von den Banken ist kurzfristig kaum Hilfe zu erwarten, im Gegenteil. Sie werden die Krise erst recht verschärfen, denn sie liegen für lange auf der Intensivstation. Die Rettungspakete der Regierungen haben nur den Exitus
verhindert, mehr nicht.

Wie nun an Geld kommen, wo doch die Versorgung von Geld derzeit nur über die Banken möglich ist?
Derzeit.

Geld ist öffentliches Gut. Die Privatisierung der Geldversorgung übe den Weg privater Banken gibt es erst seit der Renaissance. Was es jetzt braucht ist eine Initiative direkt zwischen BürgerInnen und ihrem eigenen (!) Staat. Beide müssen sich bewegen und sehr ungewohnte Pfade treten, damit das Geld weiter fließen kann. Geld muss. neben der Bankengeldsschöpfung, auch direkt vom Staat an die Bürger fließen können. Und umgekehrt müssen BürgerInnen ihr Geld selber schaffen können, so wie sie es zur Leistungserzeugung benötigen. Das Effizienzstreben hat zwar ein hochkompliziertes effizientes, aber aufgrund der „Artenarmut“ enorm brüchiges System geschaffen hat. Vielfalt ist jetzt das Gebot der Stunde. Die moderne Systemforschung liefert dafür exzellente Vorarbeit.

Wir stehen vor einer Bedrohung existenziellen Ausmaßes. Es gibt zwei schlimmste Dinge, die eine Gemeinschaft auf lange Sicht verheeren: Krieg und Währungszusammenbrüche.

Wie konnte das passieren? Die Gründe mögen tiefer liegen, als wir dachten. Es braucht ein fundamentales Umdenken. Genauer, ein neues Erleben von dem, was wir als Realität bezeichnen.

Geld hat was mit uns zu tun. Wir haben was mit Geld zu tun

Deswegen bedarf die Dominokette vom Beginn vielleicht zwei Ergänzungen, etwa so:
Bewusstseinskrise (= Sinnkrise) - Kreditkrise (= Vertrauenskrise) - Finanzkrise (= Systemkrise) - Bankenkrise (= Organkrise) - Wirtschaftskrise - (Organisationskrise) - Gesellschaftkrise (= Gemeinschaftskrise) - Bewusstseinskrise (= Sinnkrise)

Eigentlich ist es ein Kreis, genauer noch: eine dreidimensionale Spirale der Entwicklung. Also wirklicher Fortschritt. Man kommt sozusagen „auf einer höheren Ebene” wieder an dieselbe Stelle. Aber es ist nicht mehr dieselbe, weil man selber durch die Krisen gereifter, fähiger, eben bewusster geworden ist.

Das Bild könnte eine Deutungshilfe sein. In Krisen kommt es besonders darauf an, sich tragfähige und kraftvolle Deutungsbilder zu erschließen. Da die gewohnte Ordnung der Dinge sich auslöst und dabei das neue Gestaltungsprinzip immer erst noch gefunden werden will, kann auch die daraus zu schaffende Ordnung noch nicht realisiert werden.

Dies ist ein notwendiger Schwebezustand. Hier herrschen andere Regeln vernünftigen Verhaltens, als wenn die Dinge in geordneten Bahnen laufen. Wichtige Element sind eben „Deutungskraft” als Orientierung im tagtäglichen Geschehen (die „Taktik”) und „Visionskraft” als Richtungsradar im Nebel (die „Strategie”).

Das ist nicht an sich schwer. Nur ungewohnt. Weil unser abendländischer Verstand seit Generationen „anders unterwegs” war. Das macht uns im Moment die Sache etwas problematischer, als sie eigentlich ist. Es kommt jetzt darauf an, das in den letzten Jahrzehnten entdeckte oder wiederentdeckte Wissen um die Realität dieser inneren Entwicklungsprozesse jetzt in rational formulierbare Steuerungsfähigkeiten zu übertragen und sich dies als Fertigkeit anzueignen.

Das geht allerdings nur durch eigenes Erleben jedes Einzelnen, der dies für sich erwerben will. Sonst entstehen nur weitere Hirngespinste.

Die Herausforderung besteht also nun darin, dieses den Machtinhabern des politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Diskurses nahe zu bringen, sie dafür öffnen, sie zu ermutigen und dabei zu unterstützen. Das ist kein unmögliches Unterfangen. Was hemmt ist nichts als Angst, dies allerdings massiv und meist verdeckt durch rationalisierende Argumentationen. Erfahrungen zeigen aber, wie schnell hier Veränderungen von Statten gehen, wenn nur ein erster Schritt gelingt. Der Auslöser aber zur Bereitschaft dieses entscheidenden ersten Schrittes ist fast immer die Krise. Nicht umsonst heißt dieses griechische Wort übersetzt: Chance, Möglichkeit”.

Wie konkret beginnen?

Hier einige Ideen:

Sprechen Sie miteinander – Freunde, Bekannte, Unbekannte - organisieren Sie Treffen, stellen sie einfache Regeln dafür auf. Üben sie Zuhören und einfache Rede. Niemand kennt den Stein der Weisen, es geht ums gemeinsame “Erkunden”, nicht um Meinungen oder Überzeugungen.

Suchen Sie das Gespräch mit dem Arbeitgeber. Schaffen Sie Transparenz. Diese schafft Klarheit und löscht Angst. Sind sie selber einer, sprechen sie offen mit den Angestellten. Jeder weiß was. Jeder kennt jemanden, der was weiß und kann. Miteinander sprechen verhindert Abgleiten in innere Panik.

Suchen Sie Blogs auf (oder organisieren sie selber einen), wo fließender Austausch, Vernetzung und Diskussion via Internet stattfindet. Nehmen Sie sich vor allem vor auf das zu achten, was sie stört, ärgert, ihnen widerstrebt, rätselhaft erscheint. Nur im Rätsel ist Rat.

Werden Sie als Unternehmer initiativ. Suchen Sie Kontakt zu Zahlungssystemen , die Leistungen ohne Banken abwickeln - www.WIR.ch Gründen Sie Initiativen – fordern sie Kammern und Kommunalpolitiker zur Unterstützung auf.

Sind Sie Akademiker, fordern Sie Universitäten auf zum offen und interdisziplinären Diskurs auf. Rufen Sie die Wissenschaftler heraus aus ihren Elfenbeintürmen. Jetzt sofort. Sie werden jetzt wirklich gebraucht. Suchen Sie Kontakt zu Think Tanks für Währungsdiversifizierung. www.lietaer.com

Schauen Sie sich um, wo in Ihrer Stadt Initiativen sind www.regiogeld.de , die sich jetzt mit Geldfragen beschäftigen (oder gründen sie selber eine). Achten Sie dabei möglichst auf Vielfalt der Ansätze und Aspekte. Ob ethische Fragen, religiöse Quellen, konkretes Alternativgeld , Informationsveranstaltungen mit
Bankern und Politikern, Bürgermeistern und Landräten, Gesprächsrunden mit Schülern, Lehrern, Gewerkschaftern. Egal - aber: werden sie initiativ, d.h. konkret: Sie.

Schreiben Sie Artikel oder Leserbriefe und schicken diese an Zeitungen. Rufen Sie dort an und fragen Sie, woher die Redaktion Ihre Informationen oder ihre Kenntnisse haben. Greifen Sie diese nicht an, laden Sie sie ein, gemeinsam zu lernen und den Horizont zu erweitern.

Gehen Sie zu Ihrer Bank und bitten Ihre / n BeraterIn um ein Gespräch mit ausreichend Zeit ( mind. eine Stunde ) . Beruhigen Sie ihn / sie, dass, Sie nicht zum Anklagen oder zur Panikbehandlung gekommen sind. Laden Sie ihn / Sie ein, gemeinsam zu überlegen, was zukünftig für eine gute Vertrauensbeziehung
notwendig ist. Sprechen sie von Herzen. Gehen Sie dabei davon aus, dass ihr Gegenüber auch nichts lieber möchte als das.

Hier ist schon der Platz für Ihre Ideen. Sie haben viel mehr davon, als Sie im Moment auch nur ahnen!

Demokratie kennt kein Wegsehen

Demokratie ist immer der freiwillige Zusammenschluss von selbständigen Menschen – oder sie hört auf zu existieren. Diese sind bereit die volle Verantwortung selber zu tragen und auf niemanden abzuwälzen. Diktatur ist die Gefolgschaft von Abhängigen. Das ist bequem, aber letztlich tödlich. Demokratie ist oft unbequem, aber immer der Bemühung wert, um ein menschenwürdiges Dasein zu gestalten.

Kein Zweifel, wir sind in unser Servicedemokratie sehr bequem geworden. Sehr. Deswegen kommt uns eine entsprechende Krise zu Hilfe. Man könnte sagen: Das Leben meint es gut mit uns. Zwar haben uns die Amerikaner ein Gutteil dieser Krise eingebrockt, aber sie verkörpern auch kraftvolle Haltungen, wenn es ums pragmatische Anpacken geht. Jedenfalls haben das mal verstorbene Präsidenten so ausgestrahlt, bei den lebenden bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Also: Zum Schluss zwei Zitate. Das erste als Haltung, das zweite als Handlungsanweisung.

„Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, frag dich selber, was du für dein Land tun kannst.” (John. F. Kennedy)
„If one thing does not work, try another. But above all: try something!” (Franklin D. Roosevelt)

In diesem Sinne: Go! You can do it!

Volker Viehoff, 20.Oktober 2008
1995 – 2000 Mitglied des Vorstandes der Ökobank eG
Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft Viehoff GmbH

>> Download als pdf (in der Version des am 3.11. gehaltenen Vortrags)

Volker Viehoff

Pressemitteilung – Wir sind das Geld!

Vorstand der früheren Ökobank gründet Initiative:
Wir sind das Geld klärt auf, bezieht Stellung und zeigt Lösungsmöglichkeiten
Neuwittenbek, 15. Oktober 2008.

„Tatenlos zugesehen haben wir lange genug. Jetzt ist es höchste Zeit, dass wir uns die Macht über unser Geld zurück holen.” So Volker Viehoff (49), ehemaliges Mitglied des Vorstandes der früheren Ökobank, und deshalb jetzt die Initiative Wir sind das Geld. „Um unkontrollierte Panik vor der Bankenkrise und den möglichen Konsequenzen für jeden Einzelnen zu vermeiden, ist objektive Information wichtiger denn je und deshalb oberstes Ziel der Initiative. Selbstverständlich beziehen wir Stellung und zeigen mögliche Lösungsszenarien im Bereich regionaler und kommunaler Alternativwährung.” Die Initiative ist überzeugt: „Die Zeit ist mehr als reif! Wir können es schaffen. Mit neuem Verständnis über Geld und dessen Wirkweise können wir über den Einsatz der Komplementärwährung unabhängig von den Verstrickungen der Finanzmärkte unsere Werte erhalten und sichern.” Wichtig sei es, sich jetzt kompetent und unabhängig beraten zu lassen. Das will die Initiative leisten. Wir empfehlen, im kommunalen Bereich, z. B. über das Städtemarketing, Informationsveranstaltungen zu organisieren und Vorträge zu besuchen. Gleichzeitig ruft sie Finanzprofis auf, die sich für Beratung und Vorträge zur Aufklärung und Währungsalternative zur Verfügung stellen.

Was ist Geld?
Wo man auch hinkommt, alles dreht sich derzeit um ein Thema: Geld. Schließlich betrifft es unser aller Leben höchstpersönlich. Gleichzeitig hat sich das Geldsystem zu einem undurchschaubaren Moloch verwandelt. Werte lösen sich auf, Banken verschwinden über Nacht. Die unsichtbare Hand des Marktes drückt immer fester zu. Die fehlende Orientierung macht Stress für alle, Angst. Anscheinend ist Geld nicht das, was wir dachten: Banknoten, Guthaben auf Konten, Anlagen. Geld ist eine Stromgröße, die wie elektrischer Strom nur wirksam ist, wenn sie fließt. Strom, der nicht an ist, den gibt es nicht. So ist auch Geld im Tresor, auf Konten nichts. Doch was ist es dann?

Wie funktioniert Geld?
Geld ist eigentlich eine geniale Erfindung der Menschheit. Es ermöglicht Wohlstand und Entfaltungsmöglichkeiten. Solange es richtig konstruiert ist. Was heißt das? Geld hat die Aufgabe, als Tauschmittel Leistungserstellung einer Lebensgemeinschaft anzuregen und zu organisieren. Dafür muss es im Umlauf sein, im Geldkreislauf, der wie der Blutkreislauf dem Leben des Organismus dient. Horten wir es, fällt der Blutdruck. Horten tut man aber nur, was nicht verdirbt, dauerhaft Wert verspricht, eben nicht verfällt. Das ist der Konstruktionsfehler des modernen Geldes, das seit der Renaissance verwendet wird: Geld unterliegt keinem planmäßigen Verfall mehr, nur dem unplanmäßigen durch Inflation. Denn um das so gehortete Geld wieder dem Blutkreislauf zuzuführen, braucht es ein Lockmittel: den Zins. Dadurch sind wir bereit, das dem Tauschkreislauf entzogene Geld wieder rauszurücken. Über die Banken fließt es als Kredit wieder in den Wirtschaftkreislauf zurück. Allerdings plötzlich verteuert, um den Zins als Preis. Das ist das Problem: Da in der Kette der Wertschöpfungen so gut wie alles heute mehr oder minder kreditfinanziert ist, addieren sich die Zinskosten für den Endverbraucher mit 30 bis 70 % im Preis der Wirtschaftsgüter. Ob Brötchen, Kleidungsstück, Auto oder der Miete. Bezahlt durch unser Arbeitseinkommen.

Denn Kapital arbeitet nicht, es lässt für sich arbeiten. Und fließt auf die Konten der Kapitalbesitzer. Eine stille Vermögensumverteilung allein in Deutschland von rund einer Milliarde Euro pro Tag. Diese Kapitalmengen sammeln sich letztlich am Ort der größten Renditen. Über den Weg der Banken zu den Börsen finden sie Investmenthäuser, Anlagefonds und Vermögensverwaltungen, die damit Firmen, Konzerne, Kommunale Infrastruktur, ganze Industriebereiche, gar ganze Entwicklungsländer kaufen. Um sie dann dem Diktat der Renditemaximierung zu unterwerfen. Mit allen brutalen und entwürdigenden Folgen für die Menschen. Das alles nur aufgrund eines historischen Konstruktionsfehlers.

Historische Beispiele
Neben Gold als Fernhandelswährung gab es in Mitteleuropa zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert regionale Währungen mit Geld, das planmäßigem Wertverlust unterworfen war. Es wurde regelmäßig verrufen und musste durch neues Geld ersetzt werden. Daher war Horten sinnlos. Die Folge: Aufblühende Städte, Hochzeit des Kunsthandwerks, 5 Tage Woche. Zur Zeit der großen Depression 1930–33 gab es in Deutschland und Österreich Währungsexperimente mit erstaunlicher Wirkung: Die Wirtschaft sprang regional wieder an, Arbeitslosigkeit ging zurück, während ringsum nichts mehr ging. Die Experimente wurden vom Staat verboten. Die Folgen sind bekannt.

Mögliche Lösungsszenarien
Mögliche Lösungswege wie komplementäre Währungssysteme gibt es längst. Die derzeitigen Wirtschaftswissenschaften, die Finanzbranche und Politik ignoriert sie nur. In Japan ist die „Beziehungswährung” in der Altenbetreuung gar eine staatliche Organisation. Die meisten Initiativen gehen direkt von BürgerInnen aus. Gleich ist bei allen: Kein Zins, kein Geld aus Geld, keine Dominanz über menschliche Arbeit, über ethische Grundsätze des Zusammenlebens.

Bundesweit gibt es bereits zahlreiche Beispiele auf kommunaler und Bürgerebene:

Fazit
All das zeigt: Hier ist keine „anonyme Macht” am Werk. Immer dann, wenn wir unsere Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen, wandeln sich die Dinge. Das erfordert Mut und Überwindung von Trägheit und Resignation. Auch den Abschied von der Servicedemokratie, in der wir unsere Anliegen an Berufspolitiker und Verbandsfunktionäre delegieren. Wir müssen uns wieder selbst kümmern und können das auch, wenn wir wollen. Wenn nicht JETZT, wann dann noch? Wir sind das Geld! Wir vertrauen uns selbst, weil wir uns selbst trauen.

Und Leitgedanken wie diesem von Albert Einstein: „Eine wirklich gute Idee erkennt man so daran, dass ihre Verwirklichung von vornherein ausgeschlossen erscheint.”

Weitere Informationen: www.wirsinddasgeld.de

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Volker Viehoff

Eine neue Achse des Bösen?

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Von Finanzmärkten und anderem Teufelszeug.

Was verbindet Osama bin Laden, George Bush und die Oskar Lafontaines dieser Welt? Richtig – ihre erbärmlichen Simplifizierungen.

„Investmentbanker sind kriminell“, proklamiert Oskar Lafontaine im Online Magazin „Jetzt.de“ der Süddeutschen Zeitung. Nach dem Satan Amerika und umgekehrt dessen Angst vor einem „caliphate” stretching from Spain to Indonesia + Nordkorea, nun auch das personifizierte Böse im leibhaftigen
Investmentbanker, assistiert vom skrupellosen Anlageberater und schmerzfreien Fondsmanager: Die neue Achse des Bösen.

Endlich haben wir sie ausgemacht: Die Schufte, die Blutsauger, die Vampire der Postmoderne! Mit geliehenem Geld, über Nacht mittels Beschwörungsritual (Leverageeffekt) um eine Vielfaches vermehrt, fallen Sie über arglose Unternehmer in deren lieblichen Landschaften her, fressen ganze Landstriche heuschreckenleer, „rösten“ als 25 jährige Collegeschnösel gestandene Vorstandschefs echter Firmen, bis diese winselnd die geforderte Eigenkaitalrendite mit Ihrem Kopf garantieren, ersetzten Firmenblut (Eigenkapital) durch synthetisch verdünntes Surrogat (Fremdkapital), das jederzeit wieder abfließen kann, plündern ganz Regionen aus und ziehen als marodierende Bande vaterlandsloser Gesellen, wie weiland die Landsknechte, erst dann weiter, wenn wirklich nichts mehr herauszupressen ist. Erzteufel.

Stimmt das Bild? Schon irgendwie, leider. Natürlich ein wenig drastisch. Ein wenig. Lassen wir es mal offen. Denn muss man mit solchen Bildern sehr vorsichtig sein. O. ja. Wie der 1975 verstorbene geniale Philologe Erhart Kästner lapidar anmerkte, dass man „sich hüten müsse, zu schnell einen Namen für den Teufel zu haben, ihn zu schnell zu fixieren, denn der Teufel, sobald er fixiert sei, springe ja“, um dann resigniert zu folgern: „ Aber Neuzeit kennt das Böse nicht. So viel Hilfe hatte es nie.“

Dessen Helfershelfer scheinen aber langsam sichtbar zu werden. Man erkannt sie leicht daran, dass sie

1. Nie konkret werden
2. Sich nie in die Verantwortung nehmen lassen
3. Nur aus der Deckung schießen
4. Andere für alles verantwortlich machen

Also vorsichtig weiter nun. Wir betreten gefahrvolles Gelände. Warum lässt uns dieses Finanzdesastergedröhn nicht eher kalt? Wieso kommt kaum einer an dem Thema vorbei? Warum können wir nicht einfach sagen, es geschehe denen ganz recht, zu gierig gewesen, jetzt kommt die Quittung? Warum
versuchen wir –hilflos- zu begreifen, was da in Teufels Namen (!) eigentlich vor sich geht?

Was die Sache so schwer macht: Die Ambivalenz des Geldes. Da ist zum einen ein undurchschaubares Finanzsystem entstanden, dass nun auch Experten nicht mehr verstehen und welches offensichtlich ein Eigenleben entwickelt hat, dass uns Angst und Bange wird. Und warum? Weil zum anderen Geld uns höchstpersönlich betrifft. Es bestimmt nicht nur unser Leben. Es i s t in gewisser Weise unser Leben. Wir sind das Geld!

Daher die Erschütterung bis ins Mark. Der dramatische Wandel der klimatischen Lebensbedingungen wird zweifellos Veränderungen ganz anderer Dimension mit sich bringen - und dies viel schneller als in den Medien verschleiert wurde – aber das ist doch irgendwie noch weit weg , räumlich (Sibirien, Nordpol) oder zeitlich (2100).

Beim Geld ist aber beides unmittelbar real: Die Unfassbarkeit des Phänomens und die tatsächliche Bedeutung für unser ganz konkretes Leben. Kein gutes Gefühl.

Doch zurück zu den Schuldigen.

Nun fallen Sie also, die Investmentbanken und -banker, reihenweise im Sperrfeuer ihrer Fehleinschätzungen. Und reißen die Mitläufer (Landesbanker, Pfandbriefbanker, Staatsbankbanker usw.) gleich mit in den Abgrund. Hat die erste Salve noch die Unvorsichtigen in der ersten Reihe getroffen, fallen die anderen weiter hinten um wie die Dominosteine. Eigentlich werden sie von hinten getroffen aus den eigenen Reihen, mit einer nie erwarteten Waffe niedergestreckt: Misstrauen unter Ihresgleichen. Das hätte niemand erwartet:
Banken trauen sich nicht mehr über den Weg. Das bekommt nun auch das Fußvolk und der Tross (der real existierende Privatkunde ) langsam mit und sagt sich: Wenn die Herren Musketiere sich schon nicht mehr über den Weg trauen – warum sollten wir es dann noch tun? Sind die Spareinlagen so sicher wie die Rente? Noch verhindert ein „Macht“ Wort der Kanzlerin Schlimmeres.

Eine politische Erklärung, die niemals zu einer justiziablen werden darf. Denn die Staatstresore sind schon lange leer. Wenn der Staat diese Bürgschaften einlösen müsste, würde er es mit den Sparkonten der Bürger machen müssen, die er doch verbürgt. Geht das?

In der Häme über die Kaste der Gescholtenen („Geschieht der Bande recht!“) mischt sich Wut und angstgeschwängerte Ratlosigkeit. Denn die Frage ist nicht mehr nur, wie es wohl soweit hatte kommen können – das ist wohl bei einiger intellektuell redlichen Anstrengung recht leicht zu klären. Die wirklich bedrängende Frage lautet: Wie es denn nun weitergehen kann, soll, darf, muss? Und – viel bedrängender: Was wir zuvor ab jetzt lassen müssen? Denn der Umstand, dass wir diese verheerende Soldateska der Geschäftemacher überhaupt haben entstehen lassen (wir!), hat schlimme Folgen für uns. Die Glaubwürdigkeit der von ihnen geschleiften wissenschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Festungen ist dahin.

Sicherheit, Verlässlichkeit, Stabilität, schlichtweg Vertrauen ? Wo? Nichts ist mehr so (un)sicher wie eine Bank? “Wir haben noch nie in einen so tiefen Abgrund geschaut”, sagte dieser Tage ein Banker. Ein erfrischend ehrliches Wort. Endlich.

Nehmen wir diese Aussage Ernst als einen Zustandsbericht, der der Lage entspricht. Schon die letzte Talkrunde bei Anne Will hatte Qualität: Sie war moderat, ohne das sie moderieren musste. Das ist verdächtig. Ein aufschreckendes Phänomen.

Bevor wir jetzt also außerhalb des Talkraums blind aufeinander eindreschen, gemeingefährliche Volkstribune à la Lafontaine mit ihren perfiden Halbwahrheiten dabei sind verunsicherte Menschen in aufgewiegelte Massen zu verwandeln (hatten wir schon mal), oder verstörte Marktideologen statt das Ende der Party zu akzeptieren schon an einer „Dolchstoßlegende“ für den nächsten Investmentstaatsstreich basteln (hatten wir auch schon mal) – bitte inne halten. Besonnenheit ist das Gebot der Stunde. Und die Chance. Nutzen wir sie. Suchen wir den Rest des gesunden Menschenverstandes, und mit dem schauen wir, was los ist.

Hat Lafontaine recht mit seiner Behauptung? Sind Investmentbanker kriminell?

Nehmen wir Investmentbanker mal als Synonym für das, was sich hier ereignet. Kriminell handelt, wer gegen Gesetzte verstößt. Das ist illegal. Aber begeht einer auch ein Verbrechen, wenn er zwar legal, aber offensichtlich illegitim handelt? War da mal ein Unterschied?

Wenn der Manager einer „Private Equity Gesellschaft“ (eigentlich „Eigenkapitalgesellschaft“, eine Name, der sehr in die Irre führt…) die Mehrheit an einem mittelständischen Unternehmen erwirbt, ist das legal und legitim. Wenn er sich die notwendigen Mittel dazu am Kapitalmarkt als Kredit besorgen muss, ist das auch legal und noch ein bisschen legitim (aber jetzt stimmt der Name schon nicht mehr…. ). Wenn er dann aber diese selbstgemachten Schulden gegen das echte eigene Kapital des übernommenen Unternehmens mittel einer bar auszuzahlenden „Sonderdividende“ eintauscht, ist das nur noch legal. Das erinnert an die (legalen) Verfahrensweisen bei der Vertreibung der Juden aus dem Großdeutschen Reich: Diese durften auch noch
das legalisierte Unrecht finanzieren. War das legitim?

Vielleicht haben auch wir zu lange weggeschaut. Wie unsere Väter. Vermutlich haben wir uns zu schnell in unsere „erlernte Hilflosigkeit“ geflüchtet, diese seltsame mentale Paralyse, in die das Bannwort „Globalisierung“ die Postmoderne versetzt hat.

Aufwachen – der Zauber zerfällt!

Der „Spekulant“ George Soros hat Milliarden in kurzer Zeit mit Währungsspekulationen „verdient“. Er sagte, dies sei doch eigentlich ein Ding! Denn er habe völlig legal gehandelt. Aber wenn so etwas Aberwitziges möglich wäre, sei das dies ermöglichende System krank. (Er sagte aber auch, das, wenn er das nicht gemacht hätte, dann hätte es eben ein anderer gemacht – die unter Finanzjongleuren offenbar übliche Moral der Waffenhändler und Drogendealer).

Legalität ist das Befolgen der Gesetze, des als Recht „Gesetzten“. Legitimität ist die Frage, ob das Gesetzte an der richtigen Stelle steht, oder ob es überhaupt gesetzt gehört. Ich vernahm von einem Juristen einen aufschließenden Gedanken: Die Aufgabe des Rechts sei es Freiräume zu sperren, in denen Menschen dann – möglichst gut – selbstverantwortlich leben könnten. Was heißt das nun für den „Rahmen“, der dann diese Bedingungen herstellt? Wer zimmert den? Wer vermisst ihn? In welchem Zusammenhang steht Rahmen zum Bild? Und – welche Grenzziehung ist sinnvoll? Es wird klar – Legitimität ist die Ordnung des Gesetzes mittels Orientierung an ethischen, philosophischen, ontologischen („seinsmäßigen“) Fragestellungen. Es geht also um die entscheidenden Fragen der Legitimität, aus denen die Antworten der Legalität erwachsen.

Wer stellt hier die Fragen?

Es scheint ein Zusammenhang zwischen der bewussten Gestaltungskraft unseres Miteinanders und der Güte der diese schützenden (und nicht nur vorschreibenden!) Gesetze zu bestehen. Bei Laotse heißt es, dass in Kulturen - immer wieder erst das Bewusstsein der „Einheit“ (das Tao) verloren gehe , dann der Reihe nach: die Tugenden, die Wohltätigkeit, die Gerechtigkeit – und dann blieben nur noch die Verhaltensregeln.

Kann man einen Finanzmarkt moderner Ausprägung noch mit Verhaltensregeln sinnvoll steuern oder unter Kontrolle halten? Man versucht es, es ist ja auch im Moment nichts anderes mehr da. Aber hat das Aussicht auf Erfolg? Unüberschaubare Interaktionsmöglichkeiten zwischen „Partnern“ , die sich selten jemals zu Gesicht bekommen und die alle den Auftrag haben, möglichst viel „Geld aus Geld“ zu machen? Für die Bank als Auftrag-und Arbeitgeber – also letztlich dessen Eigentümer? Der wiederum aus Kapitalanlegern besteht, die wiederum die handelnden Personen in der Bank kaum kennen dürften?

Aberwitzig.

Das weiß jeder, der das System auch nur annähernd kennt. Der Verdrängungsreflex besteht u.a. darin, dass man zum einen das gerade noch Verstehbare prüft, bis die Akten brennen. Und was nicht mehr zu verstehen ist den gefräßigen Computern anvertraut, die dann „mit Daten gefüttert“ werden, bis Ergebnisse entstehen, die am Ende die Tierpfleger selber auffressen. So wie dieser Tage.

Wer hat die Viecher aus den Gehegen gelassen?

Wie konnte es so weit kommen? Vielleicht mal eine kleine ungewöhnliche Betrachtung für dieses unser Land. Steht so in keinem Geschichts- oder Lehrbuch.

Mich hat schon als Kind (Jg. 1959) immer wieder verwundert, wie glatt der Übergang von der Monsterzeit 1933–1945 zur legendären „Stunde Null“ in den spärlichen Schilderungen der Überlebenden war. 1945 – das war der „Zusammenbruch“ (von was?). Dann kamen die Amerikaner und sagten den führerlosen (West)Deutschen: „You can be like us“ – und Abrakadabra! - die eben noch geschmähten angloamerikanischen Plutokraten“ wurden zum Non plus Ultra des deutschen Weltwestbewusstsein. Die Amerikaner schenkten den (freien) Deutschen 1948 dann auch noch ihr Geld. Nicht nur, dass die ersten Scheine fast wie Dollars aussahen – sie waren letztlich auch Dollars. Über das Währungsabkommen fester Wechselkurse von Bretton Woods 1944 sorgten die Amerikaner, dass u.a. die Deutschen jederzeit Dollars gegen dann später immer härtere DM tauschen musste. Auf Deutsch: Reparationszahlungen auf kapitalistische Art. Nicht so plump wie bei den Sowjetischen Waffenbrüder. Als dann die Franzosen die Dollars wie versprochen gegen USA-Goldreserven eintauschen wollten, guckte Präsident Nixon mal kurz in den fast leeren Tresor, kam wieder hoch und sagte, das käme gar nicht in Frage. Und alle anderen
Dollarbesitzer (= verdeckte Schuldscheininhaber) bräuchten auch nicht mehr zu kommen. Die USA zahlen keine Schulden zurück. Basta. Noch Fragen?

Übergang zur Tagesordnung. Für eine Handvoll Dollar lieber Rubel? Geh doch nach drüben! Nach diesem Jahr 1973, als der Trick der Amerikaner aufgeflogen war, erwachte das Reich der Mitte, einige Jahre vor der Losung Deng Xiaopings, dass Reichtum geil sei. (Entschuldigung.) China ist aufgrund seines ehrwürdigen Alters gewohnt warten zu können auf den strategisch richtigen Moment. Was sind schon 200 Jahre US Patriotismus bei 5000 Jahren eigener Geschichte? Die seit dieser Zeit von den USA zur weiteren Deckung ihres Lebensstandards notwendigen, nunmehr „offenen“ Schuldverschreibungen landeten vornehmlich in den Tresoren der Chinesen. Heute sind diese gleich zweifach größter Gläubiger des Dollars – denn sie verfügen auch über die größten Dollardevisenreserven weltweit. Ist der Green Buck nicht schon lange rot? Beijing schweigt und lächelt still. Wenn der Staub der Finanzeruptionen und den dadurch ausgelösten Wirtschaftstornados sich gelegt haben wird, sieht die Welt anders aus.

Zurück zu uns Deutschen.

Das Wunder von Bern („Wir sind wieder wer“) verblasst gegenüber dem dieser wundersamen Gelderschaffung von 1948. Mein Vater (Jg. 1919) sagte mir, dass da ein Ruck – lange vor Roman Herzog - durch die Bevölkerung gegangen sei, eine Explosion an Energie und Schaffenskraft. Und dass auf der anderen die menschliche Solidarität der Notzeit ab 1945 schlagartig verschwunden sei. Und diese ist seither nicht mehr aufgetaucht . Und wie bei der privaten Neurose wird eine Umkehr und „Aufarbeitung“ mit jedem Tag schwieriger. Bis es kaum noch geht.

Die Macht der Finanzsysteme nahm in dem Maße zu, wie die technische Entwicklung die Digitalisierung scheinbar aller Lebenswirklichkeiten ermöglichte. Die persönliche Kreditwürdigkeit der Kunden wurde nach und nach von der messbaren „materiellen“ Kreditwürdigkeit ersetzt. Was nicht messbar war, wurde durch Scoring – und Ratingsysteme messbar gemacht. Und dadurch handelbar. Weltweit. Bis kaum noch einer wusste, was er da von wem kaufte und in seine Bücher nahm, weiterverkaufte und schnell aus den Augen verlor.

Die derzeit zaghaften Formulierungen einer „Systemkrise“ verschleiern, was hier zugrunde liegt:

Es ist keine Systemkrise – das System IST die Krise.

Wenn Angela Merkel in der Regierungserklärung davon spricht, dass nun ein anderes System des Zusammenlebens in der Wirtschaft gefunden werden müsse, spricht hier die promovierte Physikerin, die an die (All) macht der „Systeme“ zu glauben scheint.

Systeme ersetzen niemals Vertrauen. Niemand vertraut letztlich Systemen, auch wenn wir dies vordergründig-technokratisch so empfinden mögen. Im Grunde aber trauen wir immer den Menschen, die diese Systeme entwickeln, warten und bedienen. Was nun geschieht ist also ein doppelter Kollaps: Erst verlernte man sich persönlich zu vertrauen – es gab ja die standardisierten Bonitätsprüfungen, die sich dann als Dienstleistungen in Ratingagenturen sogar verselbständigten. Und diese haben sich jetzt als haltloser Flop entpuppt – und nun ist die Paralyse da: Wie kommt man jetzt noch zu einer gescheiten Einschätzung der Lage? Wie kann eine Pilot noch fliegen, wenn seien Bordinstrumente durchdrehen? Glaubten wir wirklich, eine computergestützte (besser: vom Computer diktierte) Bonitätsbeurteilung käme der Wirklichkeit nähe, als der gesunde Menschenverstand? Waren wir allen Ernstes der Auffassung, Lebenserfahrung, d.h. das Akzeptieren der Grenzen von Wille und Ehrgeiz, sei keine relevante Größe in der Findung tragfähiger Entscheidungen?

Haben wir also zulange halberwachsenen Jünglingen das Feld überlassen? Vor allem in Investmentfragen, also der Verwendung unseres Geldes?

Haben wir.

Eine Gesellschaft, die alles will, nur nicht selber erwachsen werden, bekommt genau die Investmentbanker, die sie verdient: Jetzt sitzen die selber Kinder am Steuerknüppel der 747, während die Eltern in der ersten Klasse Party feiern, um sich vor der Erinnerungsarbeit ( sie erinnern sich?) zu drücken.

Konnte das gutgehen?

Und wundern wir uns dann, was dabei raus kommt? Computerspiele sind ja auch nicht gefährlich, vor allem nicht die gewalttrainierenden Varianten. Versichern die Hersteller. Wahrscheinlich von einem Private Equity Fonds gemanaged.

Wie lange wollen wir uns der Anerkennung der Lebenslügen unserer Gesellschaft noch entziehen? Bis uns die Geschäftsgrundlage entzogen wird? Es sieht fast so aus. Wir „vertrauen“ verzweifelt noch den Resten dessen, was das Abendland einmal „Vernunft“ genannt hatte. Das zwingt uns zu ununterbrochener Fixierung der Probleme, so als müssten wir diese mit ausschließlicher Hilfe der zum rationalisierenden Verstand verkümmerten Vernunft geradezu magisch bannen. Das ist eine anstrengende und zunehmend gefährliche Angelegenheit.

Denn was dadurch zu geschehen droht, hat der oben genannte Erhart Kästner an anderer Stelle als schlagartig einsetzende Götterdämmerung der Neuzeit so beschrieben:

„Neuzeit will ganz und gar aus Vernunft leben. Das ist der Wille zu ununterbrochenem Wachsein. Das wird sie bezahlen müssen. Ihre übervernünftige Rechnung wird ihr nicht den Gefallen tun, dass sie aufgeht. Und ähnlich, wie der Übermüdete in einem Moment in den Schlaf fällt, der höchste Gefahr bringt, wird sie in die Unvernunft nicht sinken, sondern gestoßen werden. Und es wird eine Unvernunft sein, die mit keiner Vernunft mehr im Spiele ist. Das wird kein guter Schlaf werden. Das kann nur ein Schlaf werden mit Alpträumen.“

Wann ändern sich Menschen?

Bei Einsicht oder durch Leidensdruck. Leidensdruck macht ca. 98 % der Fälle aus, der Rest ist bewusste Einsicht. Das passt zum Verhältnis der Umsatzes aus virtuellen, künstlichen Geldgeschäften an den Finanzmärkten zu den Beträgen, die die „Realwirtschaft“ bewegt: 98% zu 2%. Und diese 98 % machen uns jetzt den Leidensdruck, um uns endlich der Reste unserer wahrhaften Vernunft zu erinnern. Dazu braucht es Frieden. Vor allem im eigenen Herzen. Wie Mahatma Gandhi sagte, dass man dazu, wenn überhaupt, nur die Teufel im eigenen Herzen bekämpfen solle.

Investmentbanker, die legal, aber nicht mehr legitim handeln, sind Symptomträger des kranken Systems. Wir selber sind das System, denn wir sind das Geld.

Für all das braucht es Achtsamkeit, Wohlwollen im Umgang mit sich und miteinander, Ausdauer, Beharrlichkeit, Nüchternheit und auch eine gewisse Arglosigkeit. Sonst wird niemals Vertrauen zurückkehren, das den Namen verdient. Bedingung und Folge ist: radikaler Respekt. Vor sich und vor dem Anderen. Allen anderen. Also keine neue Achse des Bösen.

Sonst wirken die respektlosen Äußerungen eines Herrn Lafontaine gegen die Investmentbanker wie Beschleuniger für den Flächenbrand. Wie heißt es doch so schön respektlos: Man sollte keine Gelegenheit im Leben verstreichen lassen einfach mal die Klappe zu halten.