Archiv für das Tag 'Lafontaine'

Volker Viehoff

Eine neue Achse des Bösen?

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Von Finanzmärkten und anderem Teufelszeug.

Was verbindet Osama bin Laden, George Bush und die Oskar Lafontaines dieser Welt? Richtig – ihre erbärmlichen Simplifizierungen.

„Investmentbanker sind kriminell“, proklamiert Oskar Lafontaine im Online Magazin „Jetzt.de“ der Süddeutschen Zeitung. Nach dem Satan Amerika und umgekehrt dessen Angst vor einem „caliphate” stretching from Spain to Indonesia + Nordkorea, nun auch das personifizierte Böse im leibhaftigen
Investmentbanker, assistiert vom skrupellosen Anlageberater und schmerzfreien Fondsmanager: Die neue Achse des Bösen.

Endlich haben wir sie ausgemacht: Die Schufte, die Blutsauger, die Vampire der Postmoderne! Mit geliehenem Geld, über Nacht mittels Beschwörungsritual (Leverageeffekt) um eine Vielfaches vermehrt, fallen Sie über arglose Unternehmer in deren lieblichen Landschaften her, fressen ganze Landstriche heuschreckenleer, „rösten“ als 25 jährige Collegeschnösel gestandene Vorstandschefs echter Firmen, bis diese winselnd die geforderte Eigenkaitalrendite mit Ihrem Kopf garantieren, ersetzten Firmenblut (Eigenkapital) durch synthetisch verdünntes Surrogat (Fremdkapital), das jederzeit wieder abfließen kann, plündern ganz Regionen aus und ziehen als marodierende Bande vaterlandsloser Gesellen, wie weiland die Landsknechte, erst dann weiter, wenn wirklich nichts mehr herauszupressen ist. Erzteufel.

Stimmt das Bild? Schon irgendwie, leider. Natürlich ein wenig drastisch. Ein wenig. Lassen wir es mal offen. Denn muss man mit solchen Bildern sehr vorsichtig sein. O. ja. Wie der 1975 verstorbene geniale Philologe Erhart Kästner lapidar anmerkte, dass man „sich hüten müsse, zu schnell einen Namen für den Teufel zu haben, ihn zu schnell zu fixieren, denn der Teufel, sobald er fixiert sei, springe ja“, um dann resigniert zu folgern: „ Aber Neuzeit kennt das Böse nicht. So viel Hilfe hatte es nie.“

Dessen Helfershelfer scheinen aber langsam sichtbar zu werden. Man erkannt sie leicht daran, dass sie

1. Nie konkret werden
2. Sich nie in die Verantwortung nehmen lassen
3. Nur aus der Deckung schießen
4. Andere für alles verantwortlich machen

Also vorsichtig weiter nun. Wir betreten gefahrvolles Gelände. Warum lässt uns dieses Finanzdesastergedröhn nicht eher kalt? Wieso kommt kaum einer an dem Thema vorbei? Warum können wir nicht einfach sagen, es geschehe denen ganz recht, zu gierig gewesen, jetzt kommt die Quittung? Warum
versuchen wir –hilflos- zu begreifen, was da in Teufels Namen (!) eigentlich vor sich geht?

Was die Sache so schwer macht: Die Ambivalenz des Geldes. Da ist zum einen ein undurchschaubares Finanzsystem entstanden, dass nun auch Experten nicht mehr verstehen und welches offensichtlich ein Eigenleben entwickelt hat, dass uns Angst und Bange wird. Und warum? Weil zum anderen Geld uns höchstpersönlich betrifft. Es bestimmt nicht nur unser Leben. Es i s t in gewisser Weise unser Leben. Wir sind das Geld!

Daher die Erschütterung bis ins Mark. Der dramatische Wandel der klimatischen Lebensbedingungen wird zweifellos Veränderungen ganz anderer Dimension mit sich bringen - und dies viel schneller als in den Medien verschleiert wurde – aber das ist doch irgendwie noch weit weg , räumlich (Sibirien, Nordpol) oder zeitlich (2100).

Beim Geld ist aber beides unmittelbar real: Die Unfassbarkeit des Phänomens und die tatsächliche Bedeutung für unser ganz konkretes Leben. Kein gutes Gefühl.

Doch zurück zu den Schuldigen.

Nun fallen Sie also, die Investmentbanken und -banker, reihenweise im Sperrfeuer ihrer Fehleinschätzungen. Und reißen die Mitläufer (Landesbanker, Pfandbriefbanker, Staatsbankbanker usw.) gleich mit in den Abgrund. Hat die erste Salve noch die Unvorsichtigen in der ersten Reihe getroffen, fallen die anderen weiter hinten um wie die Dominosteine. Eigentlich werden sie von hinten getroffen aus den eigenen Reihen, mit einer nie erwarteten Waffe niedergestreckt: Misstrauen unter Ihresgleichen. Das hätte niemand erwartet:
Banken trauen sich nicht mehr über den Weg. Das bekommt nun auch das Fußvolk und der Tross (der real existierende Privatkunde ) langsam mit und sagt sich: Wenn die Herren Musketiere sich schon nicht mehr über den Weg trauen – warum sollten wir es dann noch tun? Sind die Spareinlagen so sicher wie die Rente? Noch verhindert ein „Macht“ Wort der Kanzlerin Schlimmeres.

Eine politische Erklärung, die niemals zu einer justiziablen werden darf. Denn die Staatstresore sind schon lange leer. Wenn der Staat diese Bürgschaften einlösen müsste, würde er es mit den Sparkonten der Bürger machen müssen, die er doch verbürgt. Geht das?

In der Häme über die Kaste der Gescholtenen („Geschieht der Bande recht!“) mischt sich Wut und angstgeschwängerte Ratlosigkeit. Denn die Frage ist nicht mehr nur, wie es wohl soweit hatte kommen können – das ist wohl bei einiger intellektuell redlichen Anstrengung recht leicht zu klären. Die wirklich bedrängende Frage lautet: Wie es denn nun weitergehen kann, soll, darf, muss? Und – viel bedrängender: Was wir zuvor ab jetzt lassen müssen? Denn der Umstand, dass wir diese verheerende Soldateska der Geschäftemacher überhaupt haben entstehen lassen (wir!), hat schlimme Folgen für uns. Die Glaubwürdigkeit der von ihnen geschleiften wissenschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Festungen ist dahin.

Sicherheit, Verlässlichkeit, Stabilität, schlichtweg Vertrauen ? Wo? Nichts ist mehr so (un)sicher wie eine Bank? “Wir haben noch nie in einen so tiefen Abgrund geschaut”, sagte dieser Tage ein Banker. Ein erfrischend ehrliches Wort. Endlich.

Nehmen wir diese Aussage Ernst als einen Zustandsbericht, der der Lage entspricht. Schon die letzte Talkrunde bei Anne Will hatte Qualität: Sie war moderat, ohne das sie moderieren musste. Das ist verdächtig. Ein aufschreckendes Phänomen.

Bevor wir jetzt also außerhalb des Talkraums blind aufeinander eindreschen, gemeingefährliche Volkstribune à la Lafontaine mit ihren perfiden Halbwahrheiten dabei sind verunsicherte Menschen in aufgewiegelte Massen zu verwandeln (hatten wir schon mal), oder verstörte Marktideologen statt das Ende der Party zu akzeptieren schon an einer „Dolchstoßlegende“ für den nächsten Investmentstaatsstreich basteln (hatten wir auch schon mal) – bitte inne halten. Besonnenheit ist das Gebot der Stunde. Und die Chance. Nutzen wir sie. Suchen wir den Rest des gesunden Menschenverstandes, und mit dem schauen wir, was los ist.

Hat Lafontaine recht mit seiner Behauptung? Sind Investmentbanker kriminell?

Nehmen wir Investmentbanker mal als Synonym für das, was sich hier ereignet. Kriminell handelt, wer gegen Gesetzte verstößt. Das ist illegal. Aber begeht einer auch ein Verbrechen, wenn er zwar legal, aber offensichtlich illegitim handelt? War da mal ein Unterschied?

Wenn der Manager einer „Private Equity Gesellschaft“ (eigentlich „Eigenkapitalgesellschaft“, eine Name, der sehr in die Irre führt…) die Mehrheit an einem mittelständischen Unternehmen erwirbt, ist das legal und legitim. Wenn er sich die notwendigen Mittel dazu am Kapitalmarkt als Kredit besorgen muss, ist das auch legal und noch ein bisschen legitim (aber jetzt stimmt der Name schon nicht mehr…. ). Wenn er dann aber diese selbstgemachten Schulden gegen das echte eigene Kapital des übernommenen Unternehmens mittel einer bar auszuzahlenden „Sonderdividende“ eintauscht, ist das nur noch legal. Das erinnert an die (legalen) Verfahrensweisen bei der Vertreibung der Juden aus dem Großdeutschen Reich: Diese durften auch noch
das legalisierte Unrecht finanzieren. War das legitim?

Vielleicht haben auch wir zu lange weggeschaut. Wie unsere Väter. Vermutlich haben wir uns zu schnell in unsere „erlernte Hilflosigkeit“ geflüchtet, diese seltsame mentale Paralyse, in die das Bannwort „Globalisierung“ die Postmoderne versetzt hat.

Aufwachen – der Zauber zerfällt!

Der „Spekulant“ George Soros hat Milliarden in kurzer Zeit mit Währungsspekulationen „verdient“. Er sagte, dies sei doch eigentlich ein Ding! Denn er habe völlig legal gehandelt. Aber wenn so etwas Aberwitziges möglich wäre, sei das dies ermöglichende System krank. (Er sagte aber auch, das, wenn er das nicht gemacht hätte, dann hätte es eben ein anderer gemacht – die unter Finanzjongleuren offenbar übliche Moral der Waffenhändler und Drogendealer).

Legalität ist das Befolgen der Gesetze, des als Recht „Gesetzten“. Legitimität ist die Frage, ob das Gesetzte an der richtigen Stelle steht, oder ob es überhaupt gesetzt gehört. Ich vernahm von einem Juristen einen aufschließenden Gedanken: Die Aufgabe des Rechts sei es Freiräume zu sperren, in denen Menschen dann – möglichst gut – selbstverantwortlich leben könnten. Was heißt das nun für den „Rahmen“, der dann diese Bedingungen herstellt? Wer zimmert den? Wer vermisst ihn? In welchem Zusammenhang steht Rahmen zum Bild? Und – welche Grenzziehung ist sinnvoll? Es wird klar – Legitimität ist die Ordnung des Gesetzes mittels Orientierung an ethischen, philosophischen, ontologischen („seinsmäßigen“) Fragestellungen. Es geht also um die entscheidenden Fragen der Legitimität, aus denen die Antworten der Legalität erwachsen.

Wer stellt hier die Fragen?

Es scheint ein Zusammenhang zwischen der bewussten Gestaltungskraft unseres Miteinanders und der Güte der diese schützenden (und nicht nur vorschreibenden!) Gesetze zu bestehen. Bei Laotse heißt es, dass in Kulturen - immer wieder erst das Bewusstsein der „Einheit“ (das Tao) verloren gehe , dann der Reihe nach: die Tugenden, die Wohltätigkeit, die Gerechtigkeit – und dann blieben nur noch die Verhaltensregeln.

Kann man einen Finanzmarkt moderner Ausprägung noch mit Verhaltensregeln sinnvoll steuern oder unter Kontrolle halten? Man versucht es, es ist ja auch im Moment nichts anderes mehr da. Aber hat das Aussicht auf Erfolg? Unüberschaubare Interaktionsmöglichkeiten zwischen „Partnern“ , die sich selten jemals zu Gesicht bekommen und die alle den Auftrag haben, möglichst viel „Geld aus Geld“ zu machen? Für die Bank als Auftrag-und Arbeitgeber – also letztlich dessen Eigentümer? Der wiederum aus Kapitalanlegern besteht, die wiederum die handelnden Personen in der Bank kaum kennen dürften?

Aberwitzig.

Das weiß jeder, der das System auch nur annähernd kennt. Der Verdrängungsreflex besteht u.a. darin, dass man zum einen das gerade noch Verstehbare prüft, bis die Akten brennen. Und was nicht mehr zu verstehen ist den gefräßigen Computern anvertraut, die dann „mit Daten gefüttert“ werden, bis Ergebnisse entstehen, die am Ende die Tierpfleger selber auffressen. So wie dieser Tage.

Wer hat die Viecher aus den Gehegen gelassen?

Wie konnte es so weit kommen? Vielleicht mal eine kleine ungewöhnliche Betrachtung für dieses unser Land. Steht so in keinem Geschichts- oder Lehrbuch.

Mich hat schon als Kind (Jg. 1959) immer wieder verwundert, wie glatt der Übergang von der Monsterzeit 1933–1945 zur legendären „Stunde Null“ in den spärlichen Schilderungen der Überlebenden war. 1945 – das war der „Zusammenbruch“ (von was?). Dann kamen die Amerikaner und sagten den führerlosen (West)Deutschen: „You can be like us“ – und Abrakadabra! - die eben noch geschmähten angloamerikanischen Plutokraten“ wurden zum Non plus Ultra des deutschen Weltwestbewusstsein. Die Amerikaner schenkten den (freien) Deutschen 1948 dann auch noch ihr Geld. Nicht nur, dass die ersten Scheine fast wie Dollars aussahen – sie waren letztlich auch Dollars. Über das Währungsabkommen fester Wechselkurse von Bretton Woods 1944 sorgten die Amerikaner, dass u.a. die Deutschen jederzeit Dollars gegen dann später immer härtere DM tauschen musste. Auf Deutsch: Reparationszahlungen auf kapitalistische Art. Nicht so plump wie bei den Sowjetischen Waffenbrüder. Als dann die Franzosen die Dollars wie versprochen gegen USA-Goldreserven eintauschen wollten, guckte Präsident Nixon mal kurz in den fast leeren Tresor, kam wieder hoch und sagte, das käme gar nicht in Frage. Und alle anderen
Dollarbesitzer (= verdeckte Schuldscheininhaber) bräuchten auch nicht mehr zu kommen. Die USA zahlen keine Schulden zurück. Basta. Noch Fragen?

Übergang zur Tagesordnung. Für eine Handvoll Dollar lieber Rubel? Geh doch nach drüben! Nach diesem Jahr 1973, als der Trick der Amerikaner aufgeflogen war, erwachte das Reich der Mitte, einige Jahre vor der Losung Deng Xiaopings, dass Reichtum geil sei. (Entschuldigung.) China ist aufgrund seines ehrwürdigen Alters gewohnt warten zu können auf den strategisch richtigen Moment. Was sind schon 200 Jahre US Patriotismus bei 5000 Jahren eigener Geschichte? Die seit dieser Zeit von den USA zur weiteren Deckung ihres Lebensstandards notwendigen, nunmehr „offenen“ Schuldverschreibungen landeten vornehmlich in den Tresoren der Chinesen. Heute sind diese gleich zweifach größter Gläubiger des Dollars – denn sie verfügen auch über die größten Dollardevisenreserven weltweit. Ist der Green Buck nicht schon lange rot? Beijing schweigt und lächelt still. Wenn der Staub der Finanzeruptionen und den dadurch ausgelösten Wirtschaftstornados sich gelegt haben wird, sieht die Welt anders aus.

Zurück zu uns Deutschen.

Das Wunder von Bern („Wir sind wieder wer“) verblasst gegenüber dem dieser wundersamen Gelderschaffung von 1948. Mein Vater (Jg. 1919) sagte mir, dass da ein Ruck – lange vor Roman Herzog - durch die Bevölkerung gegangen sei, eine Explosion an Energie und Schaffenskraft. Und dass auf der anderen die menschliche Solidarität der Notzeit ab 1945 schlagartig verschwunden sei. Und diese ist seither nicht mehr aufgetaucht . Und wie bei der privaten Neurose wird eine Umkehr und „Aufarbeitung“ mit jedem Tag schwieriger. Bis es kaum noch geht.

Die Macht der Finanzsysteme nahm in dem Maße zu, wie die technische Entwicklung die Digitalisierung scheinbar aller Lebenswirklichkeiten ermöglichte. Die persönliche Kreditwürdigkeit der Kunden wurde nach und nach von der messbaren „materiellen“ Kreditwürdigkeit ersetzt. Was nicht messbar war, wurde durch Scoring – und Ratingsysteme messbar gemacht. Und dadurch handelbar. Weltweit. Bis kaum noch einer wusste, was er da von wem kaufte und in seine Bücher nahm, weiterverkaufte und schnell aus den Augen verlor.

Die derzeit zaghaften Formulierungen einer „Systemkrise“ verschleiern, was hier zugrunde liegt:

Es ist keine Systemkrise – das System IST die Krise.

Wenn Angela Merkel in der Regierungserklärung davon spricht, dass nun ein anderes System des Zusammenlebens in der Wirtschaft gefunden werden müsse, spricht hier die promovierte Physikerin, die an die (All) macht der „Systeme“ zu glauben scheint.

Systeme ersetzen niemals Vertrauen. Niemand vertraut letztlich Systemen, auch wenn wir dies vordergründig-technokratisch so empfinden mögen. Im Grunde aber trauen wir immer den Menschen, die diese Systeme entwickeln, warten und bedienen. Was nun geschieht ist also ein doppelter Kollaps: Erst verlernte man sich persönlich zu vertrauen – es gab ja die standardisierten Bonitätsprüfungen, die sich dann als Dienstleistungen in Ratingagenturen sogar verselbständigten. Und diese haben sich jetzt als haltloser Flop entpuppt – und nun ist die Paralyse da: Wie kommt man jetzt noch zu einer gescheiten Einschätzung der Lage? Wie kann eine Pilot noch fliegen, wenn seien Bordinstrumente durchdrehen? Glaubten wir wirklich, eine computergestützte (besser: vom Computer diktierte) Bonitätsbeurteilung käme der Wirklichkeit nähe, als der gesunde Menschenverstand? Waren wir allen Ernstes der Auffassung, Lebenserfahrung, d.h. das Akzeptieren der Grenzen von Wille und Ehrgeiz, sei keine relevante Größe in der Findung tragfähiger Entscheidungen?

Haben wir also zulange halberwachsenen Jünglingen das Feld überlassen? Vor allem in Investmentfragen, also der Verwendung unseres Geldes?

Haben wir.

Eine Gesellschaft, die alles will, nur nicht selber erwachsen werden, bekommt genau die Investmentbanker, die sie verdient: Jetzt sitzen die selber Kinder am Steuerknüppel der 747, während die Eltern in der ersten Klasse Party feiern, um sich vor der Erinnerungsarbeit ( sie erinnern sich?) zu drücken.

Konnte das gutgehen?

Und wundern wir uns dann, was dabei raus kommt? Computerspiele sind ja auch nicht gefährlich, vor allem nicht die gewalttrainierenden Varianten. Versichern die Hersteller. Wahrscheinlich von einem Private Equity Fonds gemanaged.

Wie lange wollen wir uns der Anerkennung der Lebenslügen unserer Gesellschaft noch entziehen? Bis uns die Geschäftsgrundlage entzogen wird? Es sieht fast so aus. Wir „vertrauen“ verzweifelt noch den Resten dessen, was das Abendland einmal „Vernunft“ genannt hatte. Das zwingt uns zu ununterbrochener Fixierung der Probleme, so als müssten wir diese mit ausschließlicher Hilfe der zum rationalisierenden Verstand verkümmerten Vernunft geradezu magisch bannen. Das ist eine anstrengende und zunehmend gefährliche Angelegenheit.

Denn was dadurch zu geschehen droht, hat der oben genannte Erhart Kästner an anderer Stelle als schlagartig einsetzende Götterdämmerung der Neuzeit so beschrieben:

„Neuzeit will ganz und gar aus Vernunft leben. Das ist der Wille zu ununterbrochenem Wachsein. Das wird sie bezahlen müssen. Ihre übervernünftige Rechnung wird ihr nicht den Gefallen tun, dass sie aufgeht. Und ähnlich, wie der Übermüdete in einem Moment in den Schlaf fällt, der höchste Gefahr bringt, wird sie in die Unvernunft nicht sinken, sondern gestoßen werden. Und es wird eine Unvernunft sein, die mit keiner Vernunft mehr im Spiele ist. Das wird kein guter Schlaf werden. Das kann nur ein Schlaf werden mit Alpträumen.“

Wann ändern sich Menschen?

Bei Einsicht oder durch Leidensdruck. Leidensdruck macht ca. 98 % der Fälle aus, der Rest ist bewusste Einsicht. Das passt zum Verhältnis der Umsatzes aus virtuellen, künstlichen Geldgeschäften an den Finanzmärkten zu den Beträgen, die die „Realwirtschaft“ bewegt: 98% zu 2%. Und diese 98 % machen uns jetzt den Leidensdruck, um uns endlich der Reste unserer wahrhaften Vernunft zu erinnern. Dazu braucht es Frieden. Vor allem im eigenen Herzen. Wie Mahatma Gandhi sagte, dass man dazu, wenn überhaupt, nur die Teufel im eigenen Herzen bekämpfen solle.

Investmentbanker, die legal, aber nicht mehr legitim handeln, sind Symptomträger des kranken Systems. Wir selber sind das System, denn wir sind das Geld.

Für all das braucht es Achtsamkeit, Wohlwollen im Umgang mit sich und miteinander, Ausdauer, Beharrlichkeit, Nüchternheit und auch eine gewisse Arglosigkeit. Sonst wird niemals Vertrauen zurückkehren, das den Namen verdient. Bedingung und Folge ist: radikaler Respekt. Vor sich und vor dem Anderen. Allen anderen. Also keine neue Achse des Bösen.

Sonst wirken die respektlosen Äußerungen eines Herrn Lafontaine gegen die Investmentbanker wie Beschleuniger für den Flächenbrand. Wie heißt es doch so schön respektlos: Man sollte keine Gelegenheit im Leben verstreichen lassen einfach mal die Klappe zu halten.